Than ist Hexe, Hexe Than Überschrift

Abstruses Regiekonzept beim “Macbeth”-Gastspiel

Fotos: Bremer Shakespear-Company / Menke

g.wasa     -     Detmold     -     „Es ist heutzutage eine Seltenheit, dass das Theaterpublikum weiß, was es sich ansieht“, klagt der Schauspieler. Wir sind im Detmolder Sommertheater, beim Macbeth-Gastspiel der Bremer Shakespeare-Company, und der Schauspieler ist gerade dabei, den Vorhang aufzuziehen. Währenddessen fährt er – in selbstgefälliger Pose – fort: „Ich verzichte auf den Faktencheck, was Sie wissen“; und mit verächtlichem Blick auf idie da unten: „Wahrscheinlich nichts!

 

Da mag er womöglich Recht haben. Selbst meine beiden Kinder – obwohl mit einem theaterverrückten und shakespeare-begeisterten Vater gesegnet / geschlagen – würden bei einer solchen Prüfung mit Pauken und Trompeten durchfallen. Aber wie würde, umgekehrt, der Schauspieler abschneiden, würden ihn meine Kinder nach modernen Management-Instrumenten im Hotelbetrieb oder nach informatik-gestützter Entwicklung von Medizintechnik fragen?

 

Gut - so etwas muss ein Schauspieler ja auch nicht wissen. Seine Aufgabe ist vielmehr, dem Publikum – gerade dem unwissenden Publikum – ein Stück wie „Macbeth“ zu vermitteln. Das zu tun, bemühen sich der Schauspieler und seine Kollegen redlich – doch wird ihnen das vom Bearbeiter und Regisseur dieser Fassung, Bernd Freytag, nicht gerade leicht gemacht.

 

Fragen wir ihn (der ja wohl auch für den geschilderten Auftakt verantwortlich ist) doch einfach mal: Wenn Sie, Herr Freytag, dem Publikum schon kein Wissen über das Stück zutrauen, wieso verwenden Sie dann ein derart abstruses Regiekonzept, in dem alles getan wird, um selbst den textkundigen Zuschauer zu verwirren? Ist das Ihre Arroganz? Oder nur Ungeschick?

 

Fotos: Bremer Shakespear-Company / Menke

Freytag schickt fünf Schauspieler auf die Bühne. Gut – dass auch die Frauenrollen von Männern gespielt werden, kann man ja damit begründen, dass das zu Shakespeares Zeiten nun mal so üblich war. Aber dass alle fünf identisch gekleidet sind (großer Abendanzug) macht es schon mal schwierig, einzelne Charaktere zu identifizieren. Wenn da ein Schauspieler deklamiert, wie er als „Than von Cawdor“ begrüßt wurde, so mag man das – vielleicht – für einen Monolog Macbeths halten. Nur der Textkundige weiß, dass hier Lady Macbeth einen Brief vorliest. Und wenn es das nur wäre! Aber dann werden auch noch dauernd die Rollen zwischen den Darstellern hin und her getauscht. Da war ein Schauspieler soeben noch Banquo, Macbeths Rivale hinsichtlich der Gründung einer Königsdynastie; plötzlich und völlig unvermittelt wird er zu 1/3 Macbeth (denn der wird gern mal von einem Dreier-Chor gesprochen), der gemeinsam mit den anderen 2/3 ein Komplott gegen eben jenen Banquo schmiedet, welcher er gerade eben noch gewesen ist … Und so geht es immer weiter, den ganzen Abend lang.

 

Ein bisschen mag für Orientierung sorgen, dass die einzelnen Szenen inklusive Ortsangaben angesagt werden. Und ganz zu Beginn wird wenigstens noch versucht, den einzelnen Darstellern eine rudimentäre Persönlichkeit zu verleihen: der König trägt eine Krone in der Hand; einer spricht im Falsett, andere deuten einen Dialekt an (eine Spezialität der Bremer? Schon im Sommernachtstraum war der Dialektgebrauch der Handwerker einer der besseren Späße). Aber auch das wird schnell aufgegeben. Und so könnte man versucht sein, das Motto dieses Stücks noch auszuweiten:

 

Fair is foul, and foul is fair.

Schön ist scheußlich, scheußlich schön.

Than (= Adliger) ist Hexe, Hexe Than.

 

Übrigens ein netter Regieeinfall, dieses Leitmotiv “Schön ist scheußlich, scheußlich schön” mit einer Schlagermelodie unterlegt tanzen zu lassen. Aber sonst? Neben den üblichen paar eingefügten Songs: nicht Nennenswertes. Außer vielleicht in der Schlussszene: Hier ist Malcolm als rechtmäßiger Nachfolger des Schotten-Königs bereits gekrönt (natürlich zu Klängen der - eigentlich englischen Königen vorbehaltenen – Krönungsmesse); bei Shakespeare wurde erst mal nur zur Krönung eingeladen. Schon vorab verspricht Shakespeares frisch installierter Herrscher: „We shall reckon with your several loves and make us even with you“ („Wir woll’n unsere Dankesschuld berechnen …“ in Frank Günthers Übersetzung). – Bei Freytag steigt Malcolm auf einen Tisch und stiert mit einem blöden Grinsen in die Runde: „… bis wir mit euch abgerechnet haben …“. Da möchte man nicht gerade optimistisch in die Zukunft blicken.  

 

Was bleibt also von dieser seltsamen Inszenierung? Auf jeden Fall: der Text Shakespeares. Rainer Iwersen (der die Shakespeare-Company schon öfters mit Übersetzungen versorgt hat) hat auch diesen Text in eine zeitgemäße deutsche Form gebracht, die den Reichtum der genialen Shakespeare-Sprache erkennen lässt. Und diese Sprache kam bemerkenswert gut über die Rampe, dank einer Sprechkultur der Darsteller, die schon aus diesem Grund verdienen, hier genannt zu werden: Peter Lüchinger, Tobias Dürr, Tim Lee, Markus Seuß und Erik Roßbander.

 

Und schließlich: Viele der Besucher dieses Gastspiels waren offensichtlich Schülerinnen und Schüler sowie ihre Lehrer, viele Englischlehrer vermutlich. Hoffen wir, dass diese ihre Klassen gut auf den „Macbeth“ vorbereitet haben, so dass die – trotz der gegenteiligen Bemühungen der Regie – tatsächlich etwas mit diesem großen Stück anfangen konnten.

 

 

 

Detmolder Sommertheater:

Gastspiel der Bremer Shakespeare-Company

 

Macbeth

 

von William Shakespeare

deutsch von Rainer Iwersen

 

Stückfassung und Regie:       Bernd Freytag

Ausstattung:                           Heike Neugebauer

 

Darsteller:                               Peter Lüchingen

                                               Tobias Dürr

                                               Tim Lee

                                               Markus Seuß

                                               Erik Roßbander