Ein braver Sommernachtstraum

Bremer Shakespeare Company gastiert im Detmolder Sommertheater

(alle Fotos: bremer shakespeare company / Marianne Menke)

 

 

„Wenn wir Schatten euch missfielen

Denkt zum Trost von diesen Spielen …:

Dies Gebild aus Schaum und Flaum

Wiegt nicht schwerer als ein Traum

Drum verzeiht, was ihr gesehn,

Dann solls künftig besser gehen.

 

(Pucks Schlussrede im Sommernachtstraum;

übersetzt von Erich Fried)

g.wasa     -     Detmold / Bremen.     -    Gleich zweimal entschuldigen sich die Schauspieler im Sommernachtstraum beim Publikum für ihre Darbietung: einmal die Handwerker für das Stück im Stück und dann Puck ganz am Ende, in seiner Schlussrede. Der Bremer Shakespeare-Company ist das immer noch nicht genug: bei ihr tritt Puck schon gleich zu Beginn vor den Vorhang, um für die folgende Aufführung um Verständnis und Zustimmung zu werben.

 

Haben die das nötig? Sich entschuldigen für diese Inszenierung, die bereits seit März 2012 auf dem Spielplan der Bremer Shakespeare-Spezialisten steht und jetzt als Gastspiel im Detmolder Sommertheater gezeigt wurde? – Schau’n wir mal.

 

 

Eine ordentliche Inszenierung

 

Bereits die Sprache lässt aufmerken: zum Einsatz kommt nicht die romantisierende „klassische“ Schlegel-Übersetzung, sondern eine Übertragung der Theaterpraktiker Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens sowie der Schauspielerin und Film-Spezialistin Angela Schanelec. Sie haben der deutschen Fassung das – im besten Sinne – Theatralische mitgegeben, von dem eine Aufführung lebt: wunderschön, die doppelbödige Poesie der Elfensprache; davon abgesetzt: das bemühte Klappern der Verse der Liebespaare; herrlich komödiantisch: das entsetzliche Rumpeln in der Handwerker-Tragödie!

 

Im Wesentlichen spielen die Bremer das Stück so, wie es Shakespeare geschrieben hat – von den unvermeidlichen, hier aber kaum auffallenden Kürzungen abgesehen. Das hindert die Regie nicht, den einen oder anderen Akzent zu setzen: indem sie etwa die Handwerker Dialekt sprechen lässt – besonders ausgeprägt: das Berlinern bei Peter Squenz und Zettels Schwyzerdytsch. –

 

Oder:

 

Die kurze (in vielen Inszenierungen gern noch weiter gekürzte) Ankunft der herzoglichen Jagdgesellschaft im Wald wird hier zur vergnüglichen Parodie einer „Diplomatenjagd“ (Reinhard Mey lässt grüßen) mit Hörnerklang, Büchsengeknalle und einem liebenswert-unverwundbarem Teddybären …

 

 

Das alles in Kostümen, die – ohne dass sie sich einem bestimmten Stil zuordnen ließen – zwischen schlicht und extravagant einzuordnen sind; und auf einer – ganz in der Tradition der Shakespeare-Bühne – neutralen Bühne, die beim Gastspiel in Detmold noch einfacher gestaltet ist als im Bremer Stammhaus: dort evoziert ein abschüssiges Bretter-Rondell die Unsicherheit menschlicher Existenz, hier symbolisiert eine kahl-verkehrte Birke den Zauberwald. Ein großer Mond macht deutlich: es ist Nacht. Ansonsten ist der Vorhang, der verschiedene Spielebenen voneinander trennt, wichtigstes Requisit.

 

So weit, so gut ...

...   die Inszenierung erhielt den Monica-Bleibtreu-Preis und wurde auch sonst reichlich mit Lob bedacht: komisch, kurzweilig, charmant, vergnüglich … Eine Inszenierung eben, wie sie dieses „makellose Meisterwerk“ verdient, von welchem der Shakespeare-Verehrer Harold Bloom schwärmt, es sei von „überragendem literarischen Wert“, eine „romantische Komödie“, „zur festlichen Unterhaltung eines adligen Publikums gedacht“.

 

Allerdings  …

Ganz vorne im Programmheft zitieren die Bremer nicht etwa den naiv-enthusiastischen Literaturwissenschaftler Bloom mit seiner harmlosen Sicht auf das Stück, sondern ausgerechnet dessen großen Antipoden Jan Kott:

 

„Die Liebe stürzt herab wie ein Habicht … Im ‚Sommernachtstraum‘ bleibt vom Liebeswahn nur die Plötzlichkeit der Begierde. Es ist das erotischste von Shakespeares Stücken. Und wohl in keiner Tragödie oder Komödie außer ‚Troilus und Cressida‘ ist die Erotik so brutal wie hier.“

 

Hier bricht das Zitat ab. Bei Kott geht es unmittelbar so weiter:

 

„Die Theatertradition des ‚Sommernachtstraums‘ ist … unerträglich.  … das Theater (inszeniert) den ‚Sommernachtstraum‘ am liebsten als Grimmsches Märchen“ und verwischt so „die Schärfe und Brutalität der Situationen und Dialoge“, das „Zottige, das Tierhafte der Erotik“.

 

Diesen Vorwurf hat Kott 1965 erstmals veröffentlicht; seither hat sich vieles geändert. Spätestens nach Peter Brooks Inszenierung um 1970 ist „der Sommernachtstraum ein Alptraum geworden“ (Harenberg); die Theaterpraxis orientiert sich lieber an Kott als an Bloom (der denn auch Brooks Inszenierung als Sakrileg verteufelt). Auch das  Landestheater Detmold hat vor wenigen Jahren Untergründige dieses Stücks herausgestellt, als es den „Sommernachtstraum“ als „Orgie der Verwandlungen – unheimlich, grotesk und derb vergnüglich“ inszenierte; ähnlich vor Kurzem in Bielefeld. 

 

 

Dagegen der „Sommernachtstraum“ der Bremer Shakespeare-Spezialisten? – „Komisch, charmant, vergnüglich!“  Kurz: bieder! Wo der eine Beobachter von „rustikal komödiantisch“ spricht, der andere an ein „Volksstück“ denkt, assoziierte ich schon mal: Komödienstadl.

 

Wenn – zum Beispiel - in Detmold Theseus/Oberon sowie Hippolyta/Titania von denselben Darstellern gespielt wurden, dann deshalb, weil hier die (erotischen) Spielchen der Elfen als ein Rollenspiel des vergnügungssüchtigen Athener Adels interpretiert werden; wogegen die entsprechenden Doppelbesetzungen in Bremen einfach der dortigen Tradition folgen, nach der üblicherweise alle Mitwirkenden mehrere Rollen übernehmen (so, wie die jungen Liebenspaare auch die Handwerker spielen).

 

Apropos Darsteller: Die haben alle gefallen. Am interessantesten war Ulrike Knospe: als Hippolyta changiert sie zwischen bieder-naivem Hausmütterchen und Landesmutti, die ein klein bisschen an die Queen und ein ganz klein bisschen an die einstige „eiserne Lady“ Thatcher erinnert.

 

Beifall bekamen sie am Ende alle reichlich – wohl nicht nur wegen der berühmten Aufforderung Pucks zum Schluss:

 

Give me your hands, if we be friends,
And Robin shall restore amends.

 

(Klatscht erst Beifall unserm Stück!

Dann bringt Puck euch nichts als Glück.

       übersetzt Erich Fried)

 

Kommt bald etwas Bessres?

Wenn wir schon bei Pucks Schlussrede sind – darin verspricht er auch:

 

Gentles, do not reprehend:
if you pardon, we will mend:
And, as I am an honest Puck,
If we have unearned luck
Now to 'scape the serpent's tongue,
We will make amends ere long …,

 

(…. Was Schlegel so übersetzt hat:

 

Wollt ihr diesen Kindertand,
Der wie leere Träume schwand,
Liebe Herrn, nicht gar verschmähn,
Sollt ihr bald was Bessres sehn,
Wenn wir bösem Schlangenzischen
Unverdienterweis entwischen … )

sehenswert: der Bremer "Lear"

Vielleicht haben Sie’s bemerkt: so ganz begeistert war ich von dieser „Sommernachtstraum“-Inszenierung nicht – begeistert war ich dagegen von der „Lear“-Inszenierung, die ich vor einiger Zeit bei der Shakespeare-Company „zu Hause“ gesehen habe.

 

Vom Sommertheater habe ich jetzt erfahren: eigentlich hätte man ganz gern diesen „Lear“ nach Detmold geholt; aber aus organisatorischen / terminlichen Gründen hat man eben den „Sommernachtstraum“ bekommen. – Aber um den „Lear“ will man sich nächstes Jahr wieder bemühen. – Den sollten Sie sich schon mal vormerken!

 

 

 

 

 

bremer shakespeare company:

 

Ein Sommernachtstraum

von William Shakespeare

 

Regie:                           Benno Ifland.
Ausstattung:                  Heike Neugebauer
Dramaturgie:                 Kerstin Behrens

 

Mit:

Erik Roßbander:            Theseus, Oberon

Ulrike Knospe:               Hippolyta, Titania

Peter Lüchinger:            Egeus, Zettel, Pyramus

Michael Meyer:               Puck, Philostrat

Markus Seuß:                 Demetrius, Schnauz

Tim Lee:                         Lysander, Bohnenblüte, Flaut

Erika Spalke:                  Helena, Spinnweb, Schlucker

Petra Janina-Schultz:     Hermia, Squenz