Apocalypse soon

Marc Elsberg: BLACKOUT - Morgen ist es zu spät. Roman. 2012.

Träumereien ...

g.wasa     -     Ja! Man möchte es unbedingt unterstützen, das Anliegen dieser international zusammengesetzten, engagierten, hoch-effizienten Hacker-Truppe: Denn DIE möchten – ebenso wie ich! – Schluss damit machen, dass die Vielen durch die Wenigen ausgebeutet werden, dass die Dritte Welt profitbringend ausgeplündert, dass die Umwelt zu Gunsten von Wachstum und Gewinn zerstört wird, dass die Massen mit Brot und Spielen ruhiggestellt werden, auf dass die Eliten in Ruhe ihren Interessen nachgehen können …

 

DIE sind – ebenso wie ich! - „gegen die korrupte Politikerkaste … gegen die Ungerechtigkeiten der Globalisierung“; DIE haben es satt, „beherrscht, belogen und ausgeraubt zu werden von einer kleinen Gruppe von Verbrechern, die sich Politiker, Banker und Manager betiteln“ (780). DIE finden – ebenso wie ich! –, dass die Schaufenster zwischen New York, Detmold und Istanbul vollgestopft sind mit „lauter überflüssigem Zeug“ und hoffen - genauso wie ich! –, dass „sich die Menschen bald auf Wichtigeres besinnen“, dass sie sich auf Wichtigeres besinnen „müssten“ (714)

 

DIE sind – wie ich? – überzeugt, dass unsere Gesellschaft zum nötigen Wandel nicht fähig ist, und haben dafür genügend Belege: das schmähliche Ende des „arabischen Frühlings“ zum Beispiel; erst recht die Karriere der „Achtundsechziger“, aus welchen dann doch  „Bankdirektoren, Rechtsanwälte oder Lobbyisten der Industrie geworden sind“, mit dem Ergebnis: „Die Reichen wurden reicher, die Armen ärmer. Die heutige Jugend ist so konservativ und unpolitisch wie ihre Urgroßeltern“ (781).

 

Und deshalb setzen DIE – anders als ich – auf einen völligen Neuanfang. Als Computer-Freaks stellen DIE sich vor, sie könnten einfach eine RESET-Taste drücken und dann könnte alles neu – und besser – wieder losgehen. Aber vor dem Neubeginn muss das alte Spiel total an die Wand gefahren werden. DIE wollen also den „endgültigen Zusammenbruch. Je eher, desto besser. Jedes Ende war ein Anfang. Wie Ruinen, die sich der Dschungel zurückholte, würden die Menschen ihr Leben wieder erobern“ (582 f. – die falsche Satzkonstruktion lassen wir mal auf sich beruhen). Früher nannte man das „Sonthofen-Strategie“, nach dem legendär-berüchtigten Politiker Franz Josef Strauß, der in seiner Sonthofer Rede verkündet hatte, bevor es besser werden könne (= bevor seine Konservativen wieder die Regierung übernehmen könnten) müsse erst mal alles (= die von den Sozis verantwortete Lage) sehr viel schlechter werden.

 

Blackout – Fiction!

Anders als damals Strauß, haben DIE die Möglichkeit, die Lage sehr viel schlechter werden zu lassen: denn als geniale Hacker sind sie längst unauffällig in die Computernetze eingedrungen, konnten ihren Angriff in aller Ruhe systematisch vorbereiten, so dass am D-Day ein paar Klicks genügen, um in großen Teilen Europas (und kurz darauf in Nordamerika) die Stromversorgung abzuwürgen. 

 

Und damit wären wir endlich beim Thema des Buches. Hier beginnt die Geschichte, die gleichzeitig ein Appell ist: Kümmert euch endlich besser um die Sicherheit eurer Infrastruktur. Insbesondere um die Sicherheit eurer Elektrizitätsversorgung, ohne die in unserer Zivilisation nichts läuft!

 

Ich habe das Buch gelesen, als gerade der Orkan „Friederike“ mal hier, mal da für einen mehrstündigen Stromausfall gesorgt hatte – ein Ereignis, das immer ein paar Schlagzeilen wert ist! Aber stellen Sie sich vor, der Stromausfall betrifft weite Teile ganz Mitteleuropas. Und dauert zwei Tage, vier Tage, zwei Wochen … Stellen Sie sich das vor - für Sie ganz persönlich:

 

Wenn Sie morgens aufwachen, ist die Wohnung kalt (selbst meine Pellets-Heizung – auf die ich so stolz bin, weil sie nachwachsende Rohstoffe aus der Region nutzt – braucht Strom zum Zünden des Brenners, zum Einblasen der Pellets und um die Wärme aus dem Keller nach oben zu pumpen). Die Toilettenspülung funktioniert noch – ein-, zwei-, maximal dreimal, aber dann läuft kein Wasser mehr nach. Keine warme Dusche. Kaffee oder Tee: falls Sie einen Campingkocher haben – so lange der Spiritus reicht. Handy, Laptop & Co.: bis die Akkus leer sind. Die Tankstellen haben noch Benzin, können es aber nicht mehr in Ihren Tank füllen. Sicherheitshalber wollen Sie Ihre Vorräte ergänzen – auf die Idee kamen auch andere. An der Supermarktkasse muss die Kassiererin im trüben Kerzenschein endlose Preislisten wälzen und die Beträge mit Papier und Bleistift addieren. Überhaupt: Wie lange reicht Ihr Bargeld? - Geldautomat? – Fehlanzeige.

 

All das wird in „Blackout“ (fast hätt‘ ich geschrieben: genüsslich) ausgemalt. Aber was sind schon Ihre privaten Problemchen?! Denn was passiert, wenn in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen Strom und Wasser ausfallen? Auch das können Sie hier in aller Drastik nachlesen (s. 231 ff., S. 442 ff.).

 

Oder: wenn in abgeschalteten Kernkraftwerken die Brennstäbe nicht mehr gekühlt werden können, dann führt das früher oder später zur Kernschmelze (S. 320 ff.). Gerade als ich mit dem Buch fertig war, berichtete die ARD mal wieder über die rissigen Risiko-Reaktoren im belgischen Tihange (70 km westlich von Aachen). „Blackout“ verweist auf Tihange ebenso wie auf den tschechischen Pannenreaktor Temelin; den ersten GAU lässt es aber im französischen Atomkraftwerk Saint-Laurent an der Loire geschehen (358). Außer, dass eine radioaktive Wolke nach Paris geweht wird (S. 359) und dass über eine eigentlich notwendige,  aber ohne Strom unmögliche großräumige Evakuierung diskutiert wird, geht „Blackout“ auf die Folgen eines GAUs nur oberflächlich ein – das war vielleicht auch gar nicht nötig, denn als das Buch erschien (19.03.2012) war die Erinnerung an einen realen GAU – den von Fukushima (11.03.2011) – noch ziemlich frisch (und wer’s doch lieber literarisch mag, sei auf den immer noch lesenswerten Bestseller von 1987,  Die Wolke“ von Gudrun Pausewang, verwiesen). 

 

Aber keine Sorge – schließlich ist „Blackout“ nur ein Roman! In Wirklichkeit kann so etwas doch nicht passieren. Meinen Sie?

 

 

Blackout – Realität

Ca. 15 Monate vor Erscheinen von „Blackout“ erschien eine Studie mit dem Titel „Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften – am Beispiel eines großräumigen Ausfalls der Stromversorgung“, verfasst vom „TAB – Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag“ (Arbeitsbericht Nr. 141 – Nov. 2010  - 264 S.).  

 

Die Studie – die der Autor im Interview als eine seiner vielen Quellen nennt - schildert u. a. ein „hinreichend plausibles Ursachenszenario“, durchaus vergleichbar dem Angriff im Roman. – „In großen Teilen Deutschlands fiele in der Folge der Strom aus. Nach etwa 24 Stunden wäre den Verantwortlichen … bewusst, dass der Stromausfall einige Wochen dauern könnte“  (S. 60 f.).

 

Die Studie macht nicht nur die naive Hoffnung auf Ersatzkapazitäten zunichte (da „ein Großteil der … vorhandenen Trinkwasserspeicher sowie Notstromkapazitäten allenfalls auf die Überbrückung wenige Stunden dauernder Versorgungsstörungen ausgelegt ist“ (11), sie prognostiziert – kaum weniger drastisch als der Roman – auch den schnellen Zusammenbruch des öffentlichen Lebens. – Es soll genügen, die kurze Zusammenfassung zu zitieren:

 

„Aufgrund der nahezu vollständigen Durchdringung der Lebens- und Arbeitswelt
mit elektrisch betriebenen Geräten würden sich die Folgen eines langandauernden und großflächigen Stromausfalls zu einer Schadenslage von besonderer Qualität summieren. Betroffen wären alle Kritischen Infrastrukturen, und ein Kollaps der gesamten Gesellschaft wäre kaum zu verhindern. Trotz dieses … Katastrophenpotenzials ist ein diesbezügliches gesellschaftliches Risikobewusstsein nur in Ansätzen vorhanden“
(S. 3).

 

Fazit:

... ein aufklärerisches Buch also, im günstigsten Fall sogar ein aufrüttelndes!

 

 

Trotzdem will ich es nicht empfehlen …

… aus zwei Gründen:

 

Erstens: Es ist mit 800 Seiten viel zu lang. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, keine Lebenszeit mehr auf Thriller von mehr als 400 Seiten zu verschwenden. Dieses Buch habe ich geschenkt bekommen und deshalb eine Ausnahme gemacht. Und schließlich klang der Klappentext vielversprechend. Die Botschaft des Buches hätte bequem auf 400 Seiten gepasst. Aber alles muss breit ausgewalzt, aus zwei, drei, vielen Perspektiven dargestellt werden (Brüssel, Bonn, Den Haag, ….). Das Buch ist eine Ansammlung retardierender Momente – ein Beispiel:

 

Gegen Ende muss Held vom Rheinland nach Brüssel; in zwei Stunden könnte er dort sein, kann damit rechnen, dort relativ komfortabel verköstigt zu werden. Aber dann schickt ihn der Autor erst mal auf die – in dieser Ausnahmesituation – gefährliche und ungewisse Suche nach Essen (504) und benötigt dadurch für diese Reise nicht zwei Zeilen, sondern knapp 40 Seiten! Ohne weiteren Erkenntnisgewinn.

 

Wenn also auch Sie mit Ihrer Lebenszeit geizen – lesen Sie anstatt „Blackout“ die o.g. Bundestagsstudie. Die kommt mit 260 Seiten aus, ist umsonst im Netz zu haben und ist genauso spannend. Na ja – fast genauso. Die kleine Liebesgeschichte fehlt dort natürlich, ebenso die Kritik an der Inkompetenz von Beamten und von Managern der Energieindustrie; und Tote gibt’s auch keine. Es werden allenfalls welche – für den Fall der Fälle – in Aussicht gestellt.   

 

 

Und vor allem zweitens:

 

Das Grundproblem wird stillschweigend so hingenommen: All das, was ich in meinen ersten drei Absätzen als „unterstützenswert“ dargestellt habe, kommt in „Blackout“ nur am Rande vor, erst gegen Ende, dann, wenn die Täter identifiziert und als rücksichtslose Terroristen abgestempelt sind, deren Motive im günstigeren Fall gutmenschlich-naiv, wahrscheinlich aber abstrus-systemfeindlich sind. Und klar: das bestehende … oder sagen wir’s doch: das kapitalistische System muss geschützt, verteidigt und notfalls repariert werden, egal wie ausbeuterisch, ungerecht und menschenverachtend es ist. Oder wie umweltzerstörend. Apropos umweltzerstörend: für die bisherigen Stromausfälle waren kaum einmal (wenn überhaupt) „Terroristen“ verantwortlich – umso häufiger aber sogenannte „Extremwetterlagen“, wie sie als Vor-Boten des bereits eingetretenen Klimawandels immer häufiger auftreten. Vielleicht betreibt ja inzwischen „die Umwelt“ so eine Art Sonthofen-Strategie, und Klimawandel, Bodenzerstörung, Artenschwund und und und … werden uns in absehbarer Zeit noch so manchen gewaltigen „Blackout“ bescheren – ganz ohne Mithilfe von Terroristen.

 

 

 

Marc Elsberg:

 

BLACKOUT - Morgen ist es zu spät. Roman.

 

Taschenbuch: 800 Seiten,    10,99 EUR

Blanvalet Taschenbuch Verlag; 1. Aufl.: 17.06.2013

ISBN-10: 3442380294

ISBN-13: 978-3442380299

 

Gebunden: 800 Seiten,   19,99 EUR

Blanvalet Verlag; 1. Aufl.: 19.03.2012

ISBN-10: 3764504455

ISBN-13: 978-3764504458

 

Kindle Edition:  2500 KB,    9,99 EUR

Blanvalet Verlag;  19.03.2012

ASIN: B007FOKFEU