Ein trostloses Märchen
Westfälische Kammerspiele Paderborn:
Woyzeck - von Georg Büchner
Inszenierung: Patrick Caputo
Ausstattung: Silvio Motta
(g.wasa - Paderborn.) - Zur Spielzeiteröffnung haben die Kammerspiele ihren Schaukasten ganz in Weiß gehalten. Einsam in der Mitte: drei kleine Büchner-Portraits in kaltem Blau mit dem blutroten Schriftzug „Woyzeck“. Davor: ein Häufchen (eher matt- als gift-) grüner Erbsen – eine Tagesration, wie der Arzt sie dem „Subjekt Woyzeck“ verabreicht?
Der Schaukasten ist die erste gute Idee der Paderborner Woyzeck-Inszenierung. Weitere folgen. Zum Beispiel das Bühnenbild: wie meist in Paderborn zurückhaltend nüchtern. Ein hässlicher Sessel auf der Vorderbühne vertritt als pars-pro-toto die Wohnung des Hauptmanns; ein Regenfass gibt einen naturalistischen Touch und wird später genutzt, Woyzeck zu quälen. Im Hintergrund ein kleiner Guckkasten, in dem alles beginnt.
Meist reagiere ich sauer, wenn ein Regisseur meint, er müsse einen guten (Klassiker-) Text auseinander nehmen und neu zusammensetzen. Bei „Woyzeck“ darf man das, wurde das Fragment doch im Nachlass des jung gestorbenen Genies Büchner gefunden, in Form einzelner Szenen ohne (überlieferte) Vorgabe des Autors für die Reihenfolge. So haben sich im Lauf der Theatergeschichte eine Reihe von Eröffnungs-Varianten heraus kristallisiert. Caputo wählt eine eher ungewöhnliche, die jedoch überzeugt: Alle Beteiligten versammeln sich als Zuschauer vor dem Guckkasten, während die Großmutter aus dem Off ihr trostloses Märchen erzählt: vom einsam-verlorenen Kind, das weder beim Mond („ein Stück faul Holz“) noch bei der Sonne („ein verwelkt Sonneblum“) noch bei den Sternen (aufgespießte Mücken) Trost findet und jetzt zur Erde zurück kehrt. Was wird es dort vorfinden? Das Märchen bricht ab; was auf der Erde los ist sehen wir am Beispiel der Geschichte vom Tambourmajor, von Marie und Woyzeck, die sich jetzt – von dem Guckasten als Jahrmarktsbude aus – folgerichtig entwickelt. Dabei steigert Caputo die Prägnanz, indem er zentrale Szenen parallel laufen lässt: Während sich hinten im Guckkasten Marie und der Tambourmajor näher kommen, wird auf der Vorderbühne Woyzeck vom Doktor traktiert, muss Woyzeck den Hauptmann rasieren – da bekommt die Hinhaltetaktik des Hauptmanns („Langsam, Woyzeck, langsam“) eine ganz neue Qualität.
Gute Ideen also. Allerdings wird manchmal auch gar zu dick aufgetragen: Wenn die Soldaten „Frau Wirtin“-Verse grölen, dann solche aus der untersten Schublade (während Büchner sich mit einem stubenreinen begnügt hatte); wenn Marie Wäsche aufhängt, dann sind schon die Unterhemden Liebestöter – von den Unterhosen wollen wir schweigen; der Doktor ist allzu schnöselig, der Major allzu gockelig und Woyzeck gar zu verachtenswert-abstoßend. Dieser Woyzeck, ein 44-jähriger Fußabtreter (bei Büchner war er erst 30). Eine Figur wie ein Kartoffelsack. Ein Froschgesicht mit blöd-stierem Blick. Plumpe Gesten. Und dann auch noch irre Wahnvorstellungen. Wie sich die junge, bildhübsche Marie (Kerstin Westphal) auf den einlassen konnte, kann man sich nicht vorstellen, und ist ob solcher Fehlbesetzung verärgert.
Aber nicht lange! Je länger man Thomas Heller zusieht, wie er diese gequält-verkrüppelte Kreatur dahinvegetieren lässt, umso mehr Mitgefühl entwickelt man für diesen elenden Menschen. Das heißt: Man glaubt Thomas Heller seine Figur – und bewundert entsprechend seine Schauspielkunst. Dazu passt, dass sich auch der Major (Stephan von der Decken) vom eitlen Wichtigtuer zum fies-arroganten Menschenschinder entwickelt und der Doktor (Joerg Bitterich) zum wissenschaftlichen Sadisten, der Woyzeck zum Versuchskaninchen degradiert. So kommt es, wie es kommen muss. Am Ende ist Marie tot; der Major vergnügt sich mit einer anderen, und Woyzeck bleibt einsam auf der leeren Bühne. Zeit, das Großmuttermärchen zu Ende zu bringen: Wie das Kind „wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. ... Und da sitzt es noch und is ganz allein.“
Der Beifall war lebhaft und verdient.
(theater pur 2002/09)