Richter Adam und die Bananenrepublik

 

(theater pur    2005/01)

 

Landestheater Detmold – Sommertheater:

 

Der zerbrochene Krug – Lustspiel von Heinrich von Kleist

 

Inszenierung:           Andreas Plücken

Bühne:                      Hans-Günther Säbel

Kostüme:                  Anke Drewes-Siebenborn

Dramaturgie:            Bettina Ruczynski

 

(g.Wasa – Detmold.)            Wenn das kein Lustspiel-Stoff ist: Der alte Knacker Adam ist scharf auf die hübsche junge Eve; unter Mißbrauch seines Richteramts dringt er nachts in ihr Zimmer ein. Bevor er die Widerspenstige zähmen kann, wird er vom eifersüchtigen Verlobten verjagt. Auf der Flucht zerdeppert er einen wertvollen Krug. Am nächsten Morgen steht die scharfzüngige Marthe vor Gericht, Mutter des Objekts seiner Begierde. Und die klagt ausgerechnet bei ihm, dem Übeltäter, auf Gerechtigkeit für ihren zerbrochenen Krug.

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Man kann sich vorstellen, welche Komödie Molière daraus gestrickt hätte. Und man weiß, was Kleist daraus gemacht hat, der ja schon Molières Hahnrei-Posse durch „radikale Verdeutschung“ zum „metaphysischen Theaterspielwerk“ machte (so Thomas Mann über „Amphitryon“). Es sagt viel über den deutschen Humor, dass der „zerbrochene Krug“ bis heute als eines der besten deutschen Lustspiele gilt! Schon die Uraufführung (Weimar, 1808) wurde zum grandiosen Misserfolg; die Schuld daran schob man dem Regisseur Goethe in die Schuhe (mit dem sich Kleist gar duellieren wollte!) – nicht ganz zu Unrecht; aber durch die ganze Wirkungsgeschichte ziehen sich kritische bis abfällige Bemerkungen über die penetrante Langatmigkeit dieses Stücks.

 

Zum langfristigen Erfolg mag etwas anderes beigetragen haben: deutscher Humor darf nicht einfach lustig sein, er muss einen Sinn ergeben! Diese Voraussetzung erfüllt das 200 Jahre altes Stück vorbildlich – heute vielleicht mehr denn je! Dieser Richter, der in seinem Staats-Job eigentlich sein Auskommen haben müsste, der als Respektsperson Ansehen genießen sollte, der also in seiner Position rundum zufrieden sein könnte – dieser alte Adam kann’s nicht lassen, seine Stellung für ein paar Übergriffe zu missbrauchen, sich die Vorschriften nach eigenem Gusto zurechtzubiegen.

 

So liegt es nahe, diesen Adam zum Zeitgenossen zu machen von Herrn Meyer (Laurenz) und Frau Müller (Hildegard), von Frau Flach, Herrn Janssen und Herrn Welteke. Anke Drewes-Siebenborns Kostüme spannen den Rahmen zurück bis Kohl und dem Steuersünder und Minister Lambs­dorff. In die öden 80er Jahre weist auch Säbels Bühnenbild: eine ungemütliche Mehrzweckhalle, in der heute der Dorfrichter seine „Session“ hält und in der wohl gestern Abend noch der Karnevalsverein (wir schreiben den 1. Februar) feierte. (Dabei muss es heiß hergegangen sein – denn als die Zuschauer eintreffen, ist Adams Dienstmädchen immer noch dabei, die Reste weg zu putzen, wofür sie schon vor Beginn einen Extra-Applaus bekommt.)

 

Auch nicht gerade das Ambiente für ein Lustspiel. Ein solches ist aber gar nicht beabsichtigt, denn der „Krug“ kommt als aktuelles Drama auf die Detmolder Sommerbühne: als Drama des Dorfrichters, der „den leidgen Stein zum Anstoß in sich selbst trägt“; vor allem aber als Drama, ja: als Tragödie der Menschen, deren Lebens­entwürfe dieser Halbgott in Schwarz zerstört, indem er sich brutal zwischen sie drängt und dabei ihre Beziehungen dauerhaft schädigt. Da ist es konsequent, auf das – dem „Lustspiel“ geschuldete – Happy End, die Versöhnung der Verlobten zu verzichten; ich habe nie verstanden, wie das junge Paar nach all den üblen Verdächtigungen, nach den ganzen obszönen Beleidigungen einfach wieder Friede-Freude-Eier­kuchen spielen konnte. Plücken fragt sich auch – mit Recht! -, wie die Mutter ihrer Tochter wieder in die Augen sehen könne! Der Schuldige erklärt mit einem wohlfeilen „Verzeiht“ den Rücktritt und geht mit einem Goethe-Zitat ab (G. v. Berlichingen, III,17). Er wird wohl weich fallen.

 

So machen Plücken/Ruczynski das zähe Lustspiel zum spannenden Gesellschaftsdrama, das sehr wohl seine komischen Momente hat (die Langatmigkeit wurde – natürlich! - möglichst herausgestrichen) und durch Schauspieler-Leistungen beeindruckt: Die Marthe ist eine Paraderolle für Gaby Blum; Ulrich Leicht macht den Gerichtsrat zum blasierten Yuppie; Anna-Maria Wasserberg gibt die Brigitte als naiven Spät-Hippie (der nimmt man sogar ab, dass sie noch an den Teufel glaubt). Michael Reimann als Adam muss den ganzen Abend in Unterhosen durchstehen und wird so unnötigerweise in eine Ohnsorg-Theater-Ecke gedrängt, der er zunächst durch einen dick aufgetragenen komisch-theatralischen Tonfall auch entspricht. Aber das gibt sich, und nachher wird seine klammheimlich-triumphierende Schadenfreude über Ruprecht zum Kabinettstückchen feinsinnigen Humors.

 

Stars des Abends schließlich: Manfred Baum, der dem Schreiber Licht eine  faszinierende multiple Persönlichkeit leiht: pedantischer Beamter am Schreibtisch, liebedienerischer Speichellecker unter dem Gerichtsrat, fieser Mobbing-Experte gegen seinen angeschlagenen Chef, lüsterner Gockel beim appetitlichen Anblick des Dienstmädchens (sexy: Karolin Dieckhoff). Der neue Licht wird ein würdiger Nachfolger des alten Adam werden! - Und Anna Bause: wieder einmal die Idealbesetzung für eine junge vom Schicksal gebeutelte Frau. Die Eve hat wenig Text, aber Bause versteht es einfach, durch Körpersprache und Mimik von Anfang an ganz stark präsent zu sein, das Mädchen zum Leben zu erwecken, dessen – gestern noch selbstverständliche – Lebensplanung am Boden zerstört ist, das keinen Ausweg aus der fremdverschuldeten Misere weiß.

 

Tja, und Remo Hofer spielt den Ruprecht. Nur, leider, habe ich den kaum gesehen, da er bis auf wenige Ausbrüche in die rechte Bühnenecke gesperrt ist. Plücken kriegt‘s wieder nicht hin, die paar Personen auf der ausreichend großen Bühne unterzubringen! Die Eve (auch laut Plücken „die heimliche Hauptrolle“) verbannt er zeitweise so „gekonnt“ in den Hintergrund, dass sie hinter irgendwelchen Stuhllehnen verschwindet. Schon bei „Macbeth“ habe ich mich gefragt, ob da Schlamperei oder Gleichgültigkeit am Werke sei. Jetzt haben auch andere Zuschauer auf Randplätzen protestiert. Aber vielleicht inszeniert Herr Plücken gar nicht für’s Publikum, sondern für’s  eigene Ego?

 

Nach der Wut auf den Regisseur noch ein dankbares Lob für die Dramaturgin: Bettina Ruczynski hat in der Reiher-Ära zahlreiche Schauspiel-Inszenierungen betreut. Jetzt wurde ihr – mit Marthe Rull zu sprechen – „der Stuhl vor die Tür gesetzt“. Der neue Intendant bringt seine eigenen Dramaturgen mit – sein gutes Recht; aber Ruczynskis kluge zeitgeschichtliche Stück-Kommentare im Programmheft („Adam und die Bananenrepublik“) werde ich vermissen.