Eine illyrische Tragödie

Theater Bielefeld:

„Was ihr wollt“ – Komödie von William Shakespeare

 

Regie:                                   Michael Heicks

Ausstattung:                       Sandra Meurer

Dramaturgie:                       Harald Sänger

 

 

(g. wasa   -   Bielefeld)     -     Stellen wir uns vor: Wir können so acht, zehn Tage vor der Premiere an einer Probe zu „Was ihr wollt teilnehmen, und der Regisseur versucht schon mal einen Durchlauf. Da lassen sich bereits eine ganze Reihe von Vorzügen dieser Produktion erkennen:

 

Zunächst natürlich die Shakespearsche Vorlage: diese Verkleidungs- und Verwechslungsstory, in der das gute alte Dreiecksverhältnis auf die Spitze getrieben wird: Der Herzog von Illyrien liebt die Gräfin Olivia; diese liebt Cesario, den Pagen des Herzogs; hinter Cesario aber versteckt sich die als Mann verkleidete Viola, die als Schiffbrüchige an der Küste Illyriens gestrandet ist; und sie wiederum liebt (man sollt’s nicht für möglich halten!): den Herzog.

 

Shakespeare löst das Dilemma, indem er überraschend Violas Zwillingsbruder auftauchen lässt, mit dem Olivia zufrieden gestellt wird; und als der Herzog erkennt, dass sein Page in Wirklichkeit eine Frau ist, verwandelt sich die ohnehin kräftige Sympathie problemlos in Liebe. – Dazu dann noch die üblichen Rüpel- und Säufer-Szenen, und fertig ist die turbulente Shakespeare-Komödie.

 

Und die wird in der erfreulich modernen Übersetzung Frank Günthers dargeboten, bereichert um ein paar rotzfreche Sprüche, an denen der alte William seine Freude gehabt hätte, und aus denen – wer will - einige aktuelle Anspielungen heraushören mag (man fragt sich, was Shakespeare bereits von BSE wusste, wenn er seinen Junker Andreas sagen lässt, er sei ein großer Rindfleischesser und dies schlage ihm aufs Hirn; Spielereien mit dem Wort „Überweisung“ wollen wir hier lieber lassen …)

 

Das Ganze in einem Bühnenbild in Form eines stilisierten Schiffes, das sowohl die Küstennähe des Schauplatzes symbolisiert als auch den perfekten Spielplatz für die ausgelassenen Rüpelszenen bietet. Dazu kommen noch ein paar kluge Inszenierungs-Tricks: so die Besetzung der Zwillinge Viola/Sebastian mit einer Schauspielerin (Ines Buchmann), deren beide Persönlichkeiten immer mal wieder mit Hilfe einer Statistin und des rotierenden Schiffs-Bildes auf raffinierte Art ausgetauscht werden.

 

Eine vielversprechende Arbeit also, die aber bis zur Fertigstellung noch einige Mühe heischt. Noch verführt die Begeisterung über das tolle Bühnenbild zu allzu häufigem Drehen – das kann etwas zurückgenommen werden. Wichtiger: Regie und Darsteller haben noch an den Persönlichkeiten zu arbeiten: Muss Olivia wirklich derart hysterisch sein? Sollte der Herzog sich nicht vom ältlichen Langweiler zum jugendlichen Liebhaber hin bewegen, dem man glaubt, dass sich Viola in ihn verliebt? Insgesamt bedarf die Aussprache der Verbesserung – schließlich möchte das Publikum schon gern den Großteil des Textes verstehen.

 

Vor allem aber sollte sich der Regisseur entscheiden, ob er eine Komödie auf die Bühne bringen will oder eine Tragödie. Da werden einerseits die Rüpelszenen lang ausgespielt, die Albernheit gar zu breit ausgewalzt – hier kann noch gebremst werden; wenn dadurch die Aufführung insgesamt um eine viertel Stunde kürzer wird: umso besser. Vor allem die garstigsten Ferkeleien des Säufer/Penner-Trios (ausdauernd-geräuschvolles Übergeben zu Anfang, später Pinkeln auf den eingekerkerten Malvolio) können gerne weggelassen werden.

 

Andererseits wird die tragische Komponente des Malvolio sehr stark betont. Vor allem aber ist die Haupthandlung zur Tragödie umfunktioniert, denn Michael Heicks kappt Shakespeares Happy-End mit zwei glücklichen Paaren: Während des ganzen Schlussbildes sieht man die Zwillinge Viola und Sebastian wie(?) tot auf dem Boden liegen. Und zum Schlussapplaus erscheinen sie blutverschmiert, wie abgeschlachtet. Was ist da passiert?

 

Auf Nachfrage wird bereitwillig erklärt: der Regisseur habe sich wohl von dem kürzlich angelaufenen Film „Boys never cry“ inspirieren lassen. Darin verkleidet sich ein amerikanisches College-Girl als Junge, hat als solcher beachtliche Erfolge – bis sie auffliegt und umgebracht wird. Unsere Gesellschaft duldet einfach keine Mädchen in der Jungenrolle!  

 

Auch viele Interpreten von „Was ihr wollt“ haben sich ausführlich mit der Problematik des vielfältigen Changierens zwischen den Geschlechtern beschäftigt. Heicks Schluss, dass die illyrische Gesellschaft die Verstöße gegen die hergebrachte Geschlechterordnung nicht duldet und die Abweichler beseitigt, ist deshalb nicht nur legitim, sondern hochinteressant. Das Problem ist nur, dass – ohne zusätzliche Erläuterung – diesen Schluss kaum jemand verstehen dürfte. Hier vor allem muss noch an der Verständlichkeit gearbeitet werden …

 

Dann – so erwartet man – könnte das Bielefelder „Was ihr wollt“ eine große Inszenierung werden, und man sieht der Premiere hoffnungsfreudig entgegen.

 

Schade nur, dass der geschilderte Probenbesuch Fiktion ist, dass man in Wirklichkeit bereits das fertige Stück gesehen hat!

                                                                                               (theater pur, 2000/5, S. 15)