Die Septembermorde: Gewalt zeugt Gegengewalt
Landestheater Detmold:
Dantons Tod
Drama von Georg Büchner
Regie: Ulf Reiher
Bühne: Manfred Kaderk
Kostüme: Marlis Knoblauch
Dramaturgie: Juliane Wulfgramm
Musik: Rainer Böhm
(g.wasa - Detmold). - „Wir sind das Volk“ – den Wahlspruch der deutschen Mini-Revolution von 1989 hatte Georg Büchner schon einem französischen Revolutionär von 1794 in den Mund gelegt. Ulf Reiher, Detmolder Intendant mit DDR-Biografie, befürchtet noch andere Parallelen hinsichtlich der Folgen europäischer Revolutionen: Auf die deutsche Revolution von 1918/19 folgte Hitler, auf die russische Stalin. Nach der französischen Revolution kam erst Napoleon und dann die Metternich‘sche Restauration. Und 1989 – so Reihers scharfe Analyse – kam die neokapitalistische Restauration gleich Arm in Arm mit der antisozialistischen Revolution.
1998 ging’s – ganz anders als 1789 oder 1917 – wenigstens ohne Gewalt. Wirklich? Wohin führt letztlich neokapitalistische Ausbeutung? Was ist mit der Gewalt, die gerade in den Neuen Bundesländern gegen „Andere“ ausgebrochen ist? Woher kommt (diese) Gewalt? Wie führt Gewalt zu Gegengewalt? [nachträglicher Einschub: Reihers „Danton“-Premiere war am 07.09.2001 – also vier Tage vor „dem“ 11.09.2001.]
In diesen Fragen sieht Reiher ein ewig-aktuelles Thema des „Danton“. Hierauf fokussiert er seine Inszenierung, über der ein Heiner-Müller-Zitat als Motto steht: „Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution.“
Danton plagt sich mit den „Septembermorden“, welche er als Justizminister nicht verhindert hatte: Im September 1792 stehen die Heere der alten europäischen Monarchien vor Paris, um die abgesetzte französische Adels-Clique zu unterstützen. Verdun ist gefallen. Angesichts dieser Bedrohung fürchtet die junge Republik den Aufstand der alten Herrscher und bringt rund 1400 Adlige, Royalisten und Kleriker um. Notwehr? Vielleicht. Aber: „Wo die Notwehr aufhört, fängt der Mord an“. Dieser quälende Zweifel beherrscht das Denken des Detmolder Danton. Diese Frage plagt ihn bis zu seinem Tod. Noch auf dem Schafott grübelt er darüber nach (anstatt sich – wie bei Büchner – von seinen Leidensgenossen zu verabschieden).
Daneben ist Danton allerdings auch Genussmensch. Gutem Essen und Trinken und schönen Frauen zugetan. Das macht diese Figur interessant und schwierig. Andreas Plücken meistert (nach dem Hamlet) auch diese vielschichtige Rolle souverän. Ihm gegenüber stehen ein leidenschaftlich-kalter Robespierre (Manfred Ohnoutka) und ein eloquenter St. Just. Mit dessen Rede vor dem Konvent – einem Kabinettstückchen politisch-rhetorischer Demagogie! – hat sich der junge Bernd Hölscher für größere Aufgaben empfohlen.
Die Volksszenen stehen bei Büchner ohne wesentliche inhaltliche Verbindung neben den Auseinandersetzungen der verschiedenen Revolutions-Fraktionen, sind aber als deren sozialer Hintergrund unverzichtbar. Das sieht Reiher offenbar ähnlich, wenn er auf ein Zitat aus dem Wallenstein-Prolog verweist: „Sein Lager nur erkläret sein Verbrechen“. Umso enttäuschter ist man, wenn gerade die Straßenszenen in Detmold blass, ja unverständlich bleiben (zumindest in den hinteren Reihen war schon akustisch kaum etwas zu verstehen).
Die Enttäuschung vergisst man allerdings schnell angesichts einer insgesamt gelungenen Inszenierung. Reiher/Wulfgramm haben es (auch durch sinnvolle Kürzungen) geschafft, von Anfang bis Ende einen Spannungsbogen zu erhalten und ihre Idee „rüber zu bringen“ von einer Revolution, welche Menschen prägt („Wir haben nicht die Revolution, die Revolution hat uns gemacht“) und die letztlich ihre Kinder frisst.
Dazu gibt’s einige starke Bilder: Die Marseillaise als blutrünstig-totalitäres Kampflied; die elende Abfuhr der Dantonisten im Henkerskarren; die Hinrichtungsszene oder auch deren Vorwegnahme: wenn der Vorhang (eine schäbige Trikolore) wie eine Guillotine auf den gefallenen Danton heruntersaust.
Das Premierenpublikum bedankt sich mit lebhaft-andauerndem Applaus.
(theater pur, 2001-9/10, S. 36)