Es lebe der Unterschied:
Woyzeck in Bielefeld und Münster
Woyzeck
Fragment von Georg Büchner
Theater am Alten Markt, Bielefeld
Regie: Reinhard Göber
Ausstattung: Robert Ebeling
Dramaturgie: Harald Sänger
Städtische Bühnen Münster
Regie: Sylvia Richter
Bühnenbild: Jürgen Lancier
Kostüme: Gaby Sogl
Dramaturgie: Horst Busch
(g.wasa - Münster – Bielefeld). - Was ist Theater und zu welchem Behufe leisten wir es uns? Gehen wir vom modernen Regietheater als dem Normalfall aus, so bewegt sich dieses zwischen zwei Polen: dem brav-textgetreuen Abspielen des Dichter-Werks und der provokativen Zertrümmerung der Vorlage. Am Beispiel des Woyzeck konnte man jüngst die verschiedenen Ausprägungen vergleichen.
In Zürich näherte sich Karin Henkel mit einem intelligent durchdachten Konzept dem Ideal des Regietheaters. In Westfalen suchen jetzt zwei Stadttheater die Nähe der gegensätzlichen Pole.
Sylvia Richter in Münster folgt sehr eng dem Büchnerschen Text, ohne dabei auf eigene Ideen zu verzichten oder gar auf die 1830er Jahre hin zu historisieren. Verhaltensweisen und Ausstattung (das Weltkrieg-II-Krad, mit dem der Hauptmann auf die Bühne fährt, der 50er-Jahre-Kinderwagen Kostüme zwischen Nachkriegszeit und heute …) deuten vielmehr ins Zeitlose, im Zweifel eher in die Gegenwart. Zu Beginn gibt es sogar etwas münsterländisches Lokalkolorit: Wenn Woyzeck und Andres, anstatt Stöcke zu schneiden, Kohlen aus einem Erdloch klauben. Der Dialekt soll aber hessisch bleiben, was oft aufgesetzt und gekünstelt wirkt. Das tut der Charakterisierung der Personen aber keinen Abbruch: Frank-Peter Dettmann zeigt einen lächerlich gockelhaften Tambourmajor, Sonja Bell eine zwischen Pflicht und Neigung zerrissene Marie. Georg Krause als göringesker Hauptmann ist in seiner penetranten Langsamkeit das Gegenbild zum ewig gehetzten Woyzeck (Uwe Rohbeck). Diesem stellt Jürgen Lancier das passende Ambiente zur Verfügung: eine große leere Bühne, beherrscht von einer Rampe, die nach oben ins Nirgendwo führt; parallel dazu eine Rampe in den Untergrund. Auf dieser leeren Bühne, auf diesen beiden Rampen wird der arme Woyzeck nun dauernd hin und her gejagt (schließlich will man mit den paar fragmentarischen Szenen fast zwei Stunden füllen). Die große leere Bühne unterstreicht aber auch die Verlorenheit des alleingelassenen Woyzeck.
Insgesamt erhält man einen guten Eindruck von dem, was sich das junge sozialkritische Genie Büchner vorgestellt haben mag, wenn auch die Gestalten manchmal zu sehr von einem kalten Schicksal getrieben scheinen und weniger von eigenen Leidenschaften.
Wem das zu brav ist, der mag sich an den Bielefelder Woyzeck halten: Hier ist das Personal auf zwei Frauen und vier Männer reduziert (Hauptmann und Tambourmajor zu einem Macho addiert), die in einen muffigen Bahnhofswarteraum mit Schnapsausschank gesperrt sind (im Programmheft versuchen Regisseur und Bühnenbildner dem Leser weis zu machen, dies sei eine Nachtbar). Dort warten sie offenbar auf einen Zug, den man immer nur vorbeifahren hört. Dabei langweilen sie sich und das Publikum, indem sie ein-ein-drittel Stunden lang „Pause“ spielen, die lediglich immer wieder durch menschlich-animalische Lebensäußerungen unterbrochen wird: rauche, saufen, Erbsen fressen, Erbsen kotzen, Erbsen fressen (ja, in dieser Reihenfolge und ja: immer dieselben Erbsen), furzen, pissen, blasen (Woyzeck den Hauptmann, anstatt ihn zu rasieren), prügeln, vögeln, vergewaltigen, demütigen und nochmals demütigen und schließlich morden. Ach so ja: Büchner-Texte werden zwischendurch auch gesprochen. Und was dabei voll geil rüberkommt: Dass Woyzeck ’ne echt arme Sau ist.
Ärgerlicher als die ganzen Obszönitäten sind die künstlichen Längen. Warum kann man nicht akzeptieren, dass das Fragment halt keine zwei Stunden füllt und die Zuschauer nach 60 Minuten intensiven Theaters nach Hause entlassen?
Aber wozu ärgern? Freuen wir uns lieber, dass selbst im abgelegenen Norden und Osten Westfalens Gelegenheit besteht, zwei so unterschiedliche Woyzeck-Interpretationen im Abstand von einer guten Fahrstunde zu sehen. Wieder mal ein Beispiel für den hohen Rang unseres Stadttheaterwesens!
Übrigens: Alle Hochachtung vor den Bielefelder Darsteller/innen, allen voran Carmen Priego (Marie) und Johannes R. Voelkel (Woyzeck).
(theater pur 2000/3, S. 32 f.)