Krämers Büchner-Trilogie:
Der Tod der Utopien
Bühnen der Stadt Köln:
Dantons Tod – Woyzeck – Leonce und Lena
Stücke von Georg Büchner
Regie: Günter Krämer
Bühne: Gottfried Pilz, Kerstin Faber
Kostüme: Falk Bauer
Dramaturgie: Ursula Rühle, Renate Reimers, Markus Knop
(g.wasa - Köln) - Vor die Utopie ist allemal die schonungslose Bestandsaufnahme gesetzt; Büchner hat diese geleistet“. Dieses Zitat von H.-J. Ruckhäberle stellt Renate Reimers an den Schluss ihrer „Gedanken zur Inszenierung“ von „Leonce und Lena“ und fragt, „ob diese Bestandsaufnahme vor oder nach der Utopie kommt.“ Keine Frage: Krämers Büchner-Trilogie macht die Bestandsaufnahme danach, bewertet die Utopien im Nachhinein. Und zieht ein vernichtendes Fazit.
Was die französische Revolution aus den großen Menschheits-Utopien „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ gemacht hat, zeigt Krämer in seinem „Danton“ so grandios wie deprimierend (theater pur, 4/2000). Jetzt, in „Leonce und Lena“ (als „Lustspiel“ angekündigt), kommt’s noch schlimmer: Wir sind immer noch in der Endphase der französischen Revolution. Die nackten Leichen von Danton und Leidensgenossen liegen noch immer auf dem Schlächtertisch, beschwören die Erinnerung herauf an eine Revolution der anspruchsvollen Ziele, an Revolutionäre mit hehren Ideen … Da springt plötzlich die Tür auf, und herein stürmt eine Horde von Ancien-régime-Hofschranzen, auf’s Abgeschmackteste albern und degeneriert. Und die entsorgen ganz fix die Leichen im Untergrund, kehren sie als Abfall einer vergangenen Epoche schneller unter den Teppich, als ein heutiger Ministerpräsident seine Schwarzgeldbelege. Auf dem Grab der Revolutionäre feiert die Restauration vergnügungssüchtige Urstände.
Zwischen blutrünstig-idealistischen Revoluzzern und verkommenen Duodez-Tagedieben: der brave Soldat Woyzeck. Ein auf Kadavergehorsam gedrillter Befehls-Befolger – zeitlos! Ein solcher marschierte schon in Cäsars Legionen, ein ähnlicher dient immer noch in unserer Bundeswehr, mag es da Machtwechsel, Revolutionen und sogar Reformen gegeben haben, soviel das fortschrittliche Herz begehrt. Diesem Woyzeck gönnt auch das Privatleben weder Höhen noch Tiefen: noch nicht mal Erbsen muss er fressen und selbst der Mord an Marie bleibt quasi folgenlos; der Alltag bewegt sich zwischen Schlager-Schmalz und der x-ten Wiederholung des trostlosen Großmutter-Märchens. Als heiter-melancholischer Ausblick aus dem Elend wird am Ende die Schlussszene aus „Leonce und Lena“ vorgeführt. Also doch Utopie? Ach was, allenfalls Flucht in die heile Welt einer (hier live dargebotenen) Fernseh-Soap über Königskinder. Oder einfach nur Trailer: „Demnächst in Ihrem Theater“?
Jetzt sind also „Leonce und Lena“ im Schauspielhaus angekommen – und enttäuschen nach dem furiosen „Danton“ und dem eindrucksvollen „Woyzeck“. Zugegeben: ich habe mich schon immer schwer getan, dieses (von Büchner für ein Preisausschreiben schnell geschriebene) Märchenstück neben den historisch-sozialen Lehrstücken einzuordnen. Krämer konnte mir da auch nicht weiterhelfen, trotz (wegen?) massiver Eingriffe in Büchners Text: Er lässt seine Darsteller blind agieren; Leonce zeigt autistische Züge; Lena darf „Gala“ und Lore-Romane lesen, bleibt im Übrigen aber ein Phantom, von der Kölner Bühne verbannt (ihre Texte sprechen mal andere Darsteller, mal eine willkürlich auserwählte Zuschauerin); … das mag ja alles sehr symbolisch sein, aber wofür?
Oder genügen „schöne Bilder“ und gutes Spiel? Das Publikum jedenfalls hat gejubelt. Und die paar Buh’s für Krämer mögen auch (schon traditionelle) Missfallensäußerungen für den Generalintendanten gewesen sein (aber diese Geschichte hat hier nicht auch noch Platz).
Aber: Im Kontext der Krämer’schen Büchner-Trilogie zeigt diese letzte Inszenierung deprimierend-beeindruckend den Tod der Utopien. Auf Revolution folgt um so schlimmere Restauration, der Ausblick von Woyzeck in eine schönere Welt bleibt Phantasmagorie. So war es eine glückliche Idee, anlässlich der „Leonce und Lena“-Premiere in einem Büchner-Marathon vormittags „Danton“, nachmittags „Woyzeck“ und abends dann „Leonce und Lena“ zu zeigen (für ganz Eifrige gab’s in der Mittagspause noch eine szenische Fassung von „Lenz“). Das gab den Darstellern die Möglichkeit, durch intensives Spiel in unterschiedlichen Rollen zu glänzen (hervorzuheben: Joachim Meyerhoff als Robespierre, namenlose Exerziermaschine, Leonce).
Durch die zeitliche Dichte erschlossen sich – neben dem großen Zusammenhang – auch überzeugende Inszenierungs-Details: alle drei Stücke spielen im selben Bühnenbild; Dantons hochherrschaftliche Türen sind zwar bei Woyzeck verrammelt, aber die revolutionären Kritzeleien an weißen Wänden überdauern selbst Leonce und Lena …
Schade, wenn es bei einem einmaligen Marathon bleiben sollte.
(theater pur, 2001, 09/10, S. 5)