Endlich: Der Ganz'e Faust
(g.wasa Berlin). - Goethe hielt den zweiten Teil seines „Faust“ für unaufführbar. Aber (wie Brecht wusste): „The proof of the pudding ist the eating of the pudding“ – die Bühnentauglichkeit erweist sich bei der Aufführung. Und da hat der „Faust II“ neben dem geistigen Gehalt doch einiges an spektakulären bildmächtigen Auftritten zu bieten, so dass sich immer wieder Regisseure gern auf ihn gestürzt haben.
Aber den ganzen „Faust“? Sämtliche 12.111 Verse plus 40 Prosazeilen? Ohne Striche? Das haben höchstens die Anthroposophen in ihrem Schweizer „Goetheanum“ gewagt, aber noch keine Profi-Bühne. Und Peter Stein musste mit seinem Projekt jahrelang hausieren gehen, bekam immer wieder zu hören, dafür gäbe es kein Publikum. Großzügige Spenden aus der Wirtschaft haben es dann anlässlich der Expo in Hannover (2000) möglich gemacht: „Faust I“: samstags von 15 bis 23 Uhr, und am Sonntag „Faust II“ von 10 bis 23 Uhr. Die Karten für sämtliche dieser Marathon-Aufführungen in Hannover waren zwei Stunden nach Kassenöffnung ausverkauft. Wer – wie ich – zu dieser Zeit einen beruflichen Termin hatte, hatte Pech gehabt. Oder Glück?
Stein & Co. machten weiter: nach der Expo zunächst in Berlin, dann in Wien. Und so suchten ab Oktober jedes Wochenende rund 450 Enthusiasten den Weg in einen Ostberliner Fabrikkomplex, um dort (die Pausen abgerechnet) 14 Stunden „Faust“ abzusitzen (und zu stehen).
Stein inszeniert nicht nur den ganzen Text, er sucht auch gewissenhaft jede Regieanweisung zu befolgen – der daraus resultierende Detailismus wirkt oft übertrieben: Die Studierstube ist mit „Urväter Hausrat“ vollgestopft, einer Hänsel-und-Gretel-Hexe assistieren beinahe echt wirkende Meerkatzen, der richtig echte Pudel knurrt genau nach Vorlage (im Personenverzeichnis ist zwar nicht der Hund, aber der Tiertrainer aufgeführt). Manchmal stößt sich dieser Hang zum Naturalismus mit Steins Prüderie: erklärtermaßen mag er keine Nacktheit auf der Bühne, kommt aber bei diesem Goethe-Text oft doch nicht drum herum, wobei etwa der Walpurgisnachtstraum zur peinlich-verklemmten Anhäufung von künstlichen Schwänzen und Titten wird.
Insgesamt: Das Publikum – wild entschlossen, dieses wohl einmalige Event zu genießen – ist angetan bis begeistert. Auch und vor allem von den Schauspielern. Brigitte Hobmeier zum Beispiel: als Bäuerin, Meerkatze, Lieschen, Hexe, Geist, Karnevalistin, Blondine, Nymphe, Lamie, Dryas, Nereide, Trojanerin, Mater Gloriosa, … - um nur eine von den vielen nie genannten Nebendarsteller-innen herauszugreifen, welche die Aufführung mit tragen, aber immer im Schatten der Stars stehen. [Spätere Ergänzung: Hobmeier kam 1999 ziemlich frisch von der Schauspielschule, stand am Anfang ihrer Karriere; inzwischen ist sie gefeierter Star der Münchner Kammerspiele, war 2013-2015 in Salzburg die Buhlschaft.] Stars wie Dorothee Hartinger als Gretchen, Corinna Kirchhoff als Helena, der herrlich diabolische Robert Hunger-Bühler als einer von zwei Mephistos (neben Johann Adam Oest). Und natürlich Faust, den ebenfalls zwei Darsteller spielen: Christian Nickel als junger, als „Gretchen-Faust“ und Bruno Ganz, auf den Steins ganze Inszenierung fokussiert war.
Und dann passierte der größte anzunehmende Unfall: Bruno Ganz stürzte bei einer der letzten Proben und fiel für Monate aus. Dass Christian Nickel dann sofort die ganze Rolle übernahm, ist eine Leistung, die ein Außenstehender wohl kaum nachvollziehen kann. Aber: Es wurde eine andere Inszenierung. Denn natürlich spielt ein 32-jähriger den alten, den reifen Faust nicht so, wie ein Bruno Ganz. Vielleicht gravierender: Zahlreiche Inszenierungs-Ideen, welche die beiden Figuren konfrontieren (s.u.), passen nicht mehr, werden obsolet.
Und so ist es denn verbreitete Meinung, der „eigentliche“ Steinsche „Faust“ sei erst jetzt, seit Dezember, seit dem Einstieg von Bruno Ganz zu sehen (das Pech, zunächst keine Karten bekommen zu haben: ein Glück!).
Jetzt erst wird diese gewaltigste Gestalt der deutschen Literatur in all ihren (Goethe’schn, Stein’schen) Facetten sichtbar: der Wissenschaftler-Philosoph, welcher (ganz altmodisch) nach Wahrheit und Erkenntnis strebt, diese aber (ganz modern) ohne allzuviel eigenes Bemühen zugeliefert bekommen möchte, der aber auch schnell all seine Philosophie vergisst, wenn er (zeitlos) dem Reiz der schönen Helena verfällt. Der Philanthrop und Egoist, der Treibende und Getriebene, der Anmaßende und Selbstzweiflerische …
Jetzt erst wird auch Steins raffiniertes Spiel mit gängigen Faust-Deutungen klar, in denen Figuren wie der Knabe Lenker oder Euphorion als Spiegelungen des „faustischen Geistes“ interpretiert werden (so etwa Trunz in der Hamburger Ausgabe): erst jetzt können diese Gestalten (wie auch Paris, der jugendliche Konkurrent Fausts bei Helena) wie ursprünglich vorgesehen von Christian Nickel (= dem jungen Faust) gespielt (und dem alten Faust entgegengesetzt) werden.
Nochmal: Das Publikum hat’s genossen. Auch wenn der Genuss massiv getrübt wird durch die mangelhafte, die nicht existente Organisation der Sitzverteilung. Zahlreiche Pausen und noch häufigere Wechsel der Spielstätten erfordern während der zwei Tage rund zwei dutzendmal eine jeweils neue „freie Platzwahl“. Und die entwickelt sich schnell zu einem Kampf um die vorderen Reihen. Denn dass „von allen Plätzen gute Sicht“ bestünde, erweist sich als unwahre Zweckpropaganda. Deshalb rennen (ja, rennen!) Krawattenträge mit Damen im Designerkostüm um die Wette durch die langen Gänge. Da wird gerempelt, blockiert und wüst beschimpft. In den Pausen halten sich Gespräche über den Faust die Waage mit ehepartnerlichen Vorwürfen, Plätze nicht richtig belegt zu haben. Und man selbst ertappt sich mitten im Helena-Akt dabei, dass man – anstatt sich auf die Aufführung zu konzentrieren, der man schließlich seit Monaten entgegengefiebert hat – sich auf die Strategie für den nächsten Ortswechsel konzentriert. Schade. Ärgerlich. Vielleicht unnötig?
Theater pur, 2001/01, S. 9
Fotos aus:
Peter Stein inszeniert FAUST von Johann Wolfgang Goethe
Das Programmbuch Faust I und II
Herausgegeben von Roswitha Schieb
DuMont – Köln 2000
ISBN 3-7701-5418-5