Gelungener Jubiläums-Hamlet
Landestheater Detmold:
„Die tragische Geschichte von Hamlet, Prinz von Dänemark“
Stück von William Shakespeare
Übersetzung: Maik Hamburger und Adolf Dresen
Regie: Ulf Reiher
Musikalische Einrichtung: Rainer Böhm
Bühnenbild: Manfred Kaderk
Kostüme: Marlis Knoblauch:
Dramaturgie: Bettina Ruczynski
(G.Wasa) - 175 Jahre alt wurde das Landestheater im November. Und hat sich selbst mit einigen Jubiläums-Inszenierungen beschenkt. Darunter auch die gelungene des „Hamlet“, vom Intendanten Ulf Reiher selbst besorgt.
Der „Hamlet“ wird ja zur Zeit Land-auf-Land-ab gespielt. Kein Wunder, meint Reiher, Klassiker seien schließlich „Zeitstücke anhand historischen Materials“. Dass dies für den „Hamlet“ ganz besonders gilt, verdeutlicht Bettina Ruczynski in einem klugen Beitrag im Programmheft: Hamlet, der aufgeklärte, weltoffene Humanist wird von der fortschrittlichen Universität Wittenberg zurückbeordert an den feudalen dänischen Hof und soll dort das archaische Ritual der Blutrache vollziehen.
„Er steht an der Schnittstelle einer Welt im komplexen Umbruch: Das Alte geht nicht mehr, das pragmatische, skrupellose Neue will man so nicht. Eine Umwertung aller Werte findet statt. Orientierungslosigkeit und Verunsicherung sind die Folgen“.
Angesichts solcher Modernität konnte es nicht ausbleiben, dass auch die Stars des Theaters wieder nach dem „Hamlet“ greifen: Peymanns Berliner Ensemble, Kusej in Salzburg/Stuttgart, Petras in Kassel und Zadek sowieso. Wie kann da ein kleines Theater mithalten? Ulf Reiher versucht dies erst gar nicht, verzichtet vielmehr bewusst auf Extravaganzen. Keine Frau als Hamlet, wie bei Zadek. Keine dekorativ baumelnden Pimmel, wie in Salzburg. Vor allem meinen Reiher/Ruczynski nicht, sie müssten den „Hamlet“ auseinander nehmen und besser (besser?) zusammensetzen. Von den unvermeidlichen Kürzungen abgesehen, wird Shakespeares Text so gespielt, wie er gängigerweise überliefert ist. Die wenigen Ausnahmen von diesem Prinzip leuchten ein: Hamlets schlüpfrige Anmache wird von der öffentlichen Theaterszene ins intime Zwiegespräch mit Ophelia verlagert. So hält der Detmolder „Hamlet“ die goldene Mitte zwischen Klusejs Klassiker-Zertrümmerung und Zadeks Ideenmangel.
Denn bei aller Werktreue – der Detmolder „Hamlet“ überrascht durchaus mit guten Ideen: Zur Einstimmung erklingt „To be or not to be“ aus dem Off als babylonischer Sprechsalat; später wird die Bedeutung dieses – berühmtesten, aber sprachlich-inhaltlich auch umstrittensten – Monologs dadurch relativiert, dass Hamlet ihn so nebenbei, während seines Kraft- und Degentrainings von sich gibt. – Der Hofstaat feiert ausgelassen Karneval – dass dies ein Tanz auf dem Vulkan ist, wird klar, wenn der stumme Geist des alten Hamlet die Gesellschaft plötzlich erstarren lässt. Der Geist bleibt auch in der Szene mit Hamlet stumm; was Hamlet hört (zu hören meint), kann man nur aus seinen Antworten erahnen – auch das eine einleuchtende Idee (die allerdings bei jenen, die den Text nicht so genau kennen, für Verständnisprobleme sorgen mag).
Trotz einiger übertrieben-theatralischer Szenen bleibt der Gesamteindruck positiv. Dazu tragen auch die zeitgemäßen Kostüme bei: die Hofgesellschaft ganz in schwarz, das Königspaar mit zusätzlichem Rot, Hamlet klischeewidrig in weiß. Die Bühne hat Manfred Kaderk wie gewohnt in gekonnter Einfachheit gestaltet: als der Shakespeare-Bühne nachempfundenes Rondell.
Die Schauspieler zeigen durchweg ordentliche, teilweise herausragende Leistungen. Beispiele: Jan Maak als ungestümer Laertes; Markus Hottgenroth als Horatio, wie immer hervorragend. Grit Asperger ist als Hamlets Mutter eigentlich zu jung, schafft es dennoch, nicht nur die verführerische Frau, sondern auch die verzweifelnd-liebende Mutter zu verkörpern. Anna Bause als unschuldiges Opfer Ophelia. Absolute Spitze: Joachim Ruczynskis als ein sehr vielschichtig-differenzierter König Claudius; und Andreas Plücken als Titelheld: etwas großspurig, etwas nachdenklich, eben ein junger Mann von heute, der mitten im Leben steht, aber durch die Ereignisse aus der Bahn geworfen wird.
Reiher wollte einen „Hamlet“ machen, der die Geschichte betont, der in seiner Modernität verstanden wird „und vielleicht auch kurzweilig ist“. Zitate aus Foyer-Gesprächen zeigen, dass dies gelungen ist: „Der Hamlet ist zeitlos“. „Die heutige Politik läuft doch genauso“. Und: „Eigentlich dürfte man bei einem so ernsten Stück nicht so viel lachen“. Das betonte „eigentlich“ beweist, dass man sich ganz gern amüsiert hat. Der Beifall war dementsprechend begeistert und mit reichlichen „Bravos“ – vor allem für Andreas Plücken durchsetzt.
Theater pur, 2000/12, S. 15