Etwas ist faul .... im Orchester

Hamlet am Stadttheater Bielefeld

 

Theater Bielefeld:

Hamlet – Tragödie von William Shakespeare

 

Inszenierung:           Matthias Brenner

Bühne:                      Nicolaus-Johannes Heyse

Kostüme:                   Cäcilia Müller

Dramaturgie:            Claudia Lowin

 

(g.wasa   -   Bielefeld.)   -   Hamlet – ein grandioses Stück und ein Stück, das ganze Welten an Interpretationsmöglichkeiten eröffnet. Das macht den Zugang für einen Regisseur nun wahrlich nicht einfach. Wie soll er eine „neue“ Sicht auf dieses Monument eröffnen? Wo doch eigentlich alles schon da war: Hamlet der Fortschrittliche und Hamlet der Zauderer; Hamlet gab’s schon als Frau und als Macho ... Oft genug gab’s einen nackten Hamlet (auch vor etwa 10 Jahren schon in Bielefeld; dass nunmehr Hamlet und Horatio ausgerechnet den Friedhof zum FKK-Gelände machen, hat zumindest eine gewisse makabre Originalität).

 

Aber Brenner/Lowin kommen noch auf eine Idee, die (mir jedenfalls) tatsächlich neu ist: Sie siedeln „Hamlet“ in einem Symphonie-Orchester an. Daraus ergibt sich tatsächlich eine Reihe von überraschenden und dennoch folgerichtigen Bildern: zum Beispiel wenn vor der Orchesterprobe eine Gedenkminute für den toten König eingelegt wird. So treffen wir also Polonius als Konzertmeister, der sich zu Höherem berufen fühlt; die Königin als Gesangssolistin; den König – natürlich – als Dirigenten. Und Hamlet – ebenso natürlich – als den Rockmusiker, der sich der Orchesterdisziplin entzieht.

 

Dies kann man als eine gelungene Art der Ausstattung ansehen, die sich gut einfügt in das Bühnenbild, welches sich (angenehm shakespeare-gemäß) beschränkt auf ein paar immer wieder geschickt neu kombinierte podestartige Elemente mit einigen wenigen Accessoires wie Kronleuchtern, die immer dann von der Decke schweben, wenn wir uns bei Hofe befinden.

 

Aber als Idee für das Stück (für dieses! Stück) reicht das Orchesterambiente natürlich bei Weitem nicht aus. Was also bleibt? Zunächst mal der Text, der sich, unauffällig gekürzt, eng an’s Original hält – was schon mal sehr zu loben ist! Dabei fallen die der Schlegel-Übersetzung aufgepfropften Modernisierungen angenehm auf, auch und gerade, wenn sie manchmal reichlich frech sind (Hamlet: „Zwei Mond erst [ist mein Vater] tot! – Nee, Quatsch ...“).  Und wenn die politische Lage nicht von Horatio und Marcellus diskutiert wird, sondern vom Königspaar, so wirkt das nur logisch!

 

Ansonsten spickt Brenner die Handlung mit Regie-Gags - einigen recht fragwürdigen: Wer sich da alles unter Gertruds Bettdecke versteckt! – Oder: Wenn die Totengräber eine Sauforgie feiern und daran auch Yoricks Totenschädel teilhaben lassen („Hast lange nix getrunken“), dann verlassen einige Zuschauer den Raum – Nachwirkung des Bundeswehr-Skandals um afghanische Totenschädel? Aber vieles bereitet einfach Vergnügen: Polonius als Nordic Walker, die Geisterstimme aus dem Sarg ... Da wird aus der Not eine Tugend gemacht, wenn der Darsteller des Reinhold eingespart wird: Polonius kommuniziert mit ihm per Handy. Und gelegentlich gibt’s sogar eine aktuell-politische Anspielung, wenn sich Polonius als Kollegen von Steinmeier sieht. Besonders erwähnenswert: die dramatischen Fechtszenen (mit Benjamin Armbruster verfügt das Bielefelder Theater über einen Kampfsport-Experten, der immer wieder als Akteur oder – hier – als Choreograph beeindruckt).

 

Das größte Manko der Inszenierung ist wohl die Personenführung: Ophelia (Christina Huckle) als handfeste Fechterin ist ungemein attraktiv – aber ob die sich so leicht in den Wahnsinn treiben ließe? - Vor allem die Gestalt des Claudius (Alexander Swoboda) bleibt unklar: oft wirkt er debil (hat Schwierigkeiten mit Namen), mal erinnert er äußerlich an Putin, häufig ist er aber eher Kasper als Despot. - Warum muss Horatio in der Briefszene derart albern agieren? - Und Gertruds Tod wird doch gar zu theatralisch in Szene gesetzt – dabei habe ich an dieser Darstellerin immer ihre Kunst der leisen aber eindrücklichen Töne besonders bewundert. Dass Therese Berger diese Kunst immer noch beherrscht, zeigt sie in der Schlafzimmerszene mit Hamlet – eine der besten Szenen der Inszenierung, in der auch Thomas Wolff endlich mal zeigen darf, was für ein guter Schauspieler er ist.

 

Fazit: Eine Inszenierung mit Schwächen, insgesamt aber (bis auf ein paar Längen gegen Ende) recht spannend - also durchaus sehenswert. Das Premierenpublikum reagierte mit (verdientem) freundlichem Beifall für die Darsteller und einigen (nicht unverdienten Buhs) für die Regie.

                                                                                                                      (G. Wasa)

 

(Theater pur 2002/07)