Von 1666 bis 2026: zwischen Komödie und Tragödie
Molières „Menschenfeind“ in Salzburg und Hamburg
Der Misanthrop: … Sie fragen, was das sei?
Lieb oder Langeweile? - Ach, sie sinds alle zwei.
Johann Wolfgang von Goethe
(g.WaSa - Salzburg.) - Gibt’s so was Altmodisches tatsächlich noch? Ein gutes Stück, ein (gar zeitloser?) Klassiker, mit einer – großenteils – nachvollziehbaren Geschichte, einigermaßen textgerecht inszeniert und von guten Schauspielern mit guter, verständlicher Aussprache gespielt? Und das bei den Salzburger Festspielen, wo sonst im Schauspielsektor gern einer postdramatischen Moderne gefrönt wird (2026: Handke, Jelinek und ein durchaus moderner „Faust“)?
Ja: In Kooperation mit dem Hamburger Thalia hat Jette Steckel auf der Pernerinsel Molières „Menschenfeind“ inszeniert und dafür von Publikum und Kritik viel Zustimmung erfahren.
Aber: Ist das wirklich „altmodisch“?
Die Geschichte …
… spielt im Salon der schönen jungen (gerade mal 20-jährigen) Witwe Célimène. Hier trifft sich die gute Gesellschaft. Alle stehen in enger Verbindung mit dem Hof oder brüsten sich zumindest damit. Und alle beherrschen aus dem Effeff das Lieblings-Gesellschaftsspiel: Die Anwesenden überschüttet man in geradezu peinlicher Weise mit Lobhudeleien; doch sobald sie den Rücken gekehrt haben werden sie gnadenlos durchgehechelt und kritisiert.
Der Einzige, der dieses üble Spiel nicht mitmacht, ist Alceste: Er verachtet die verlogenen Schmeichler, propagiert vielmehr kompromisslose Ehrlichkeit – und nimmt in Kauf, damit seine an Liebedienerei gewöhnten Mitmenschen vor den Kopf zu stoßen und zu beleidigen. Gleich zu Beginn macht er sich den einflussreichen Höfling Oronte zum Feind, indem er nicht nur dessen Freundschafts-Angebot ausschlägt, sondern auch noch das Sonett des eingebildeten Hobby-Dichters gnadenlos verreißt.
Kein Wunder, dass Alceste zum Außenseiter wird und sich den Ruf eines Menschenfeindes erwirbt, gegen den man auch juristisch vorgeht: In drei Prozessen, die Molière nur vage beschreibt und die (zumal für einen heutigen Deutschen) nicht immer ganz nachvollziehbar sind. Denn wer weiß schon noch um die Rolle der „Maréchaux de France“ (= ein Ehrengericht aus hochrangigen Militärs zur Beilegung von Streitfällen unter Adligen, insbesondere auch zur Vermeidung von Duellen)? Vor dieses Schiedsgericht wird Alceste durch Oronte gezerrt; zwar wird ihr Streit um das Sonett durch einen Formelkompromiss beigelegt, doch Oronte versucht Alceste weiter zu diskreditieren, indem er ihm einen Text unterschiebt, der nicht nur schlecht, sondern vor allem auch regimefeindlich ist (auch hier bleibt Molière wenig konkret, was Enzensberger damit erklärt, dass Molière selbst Probleme mit der Zensur hatte*)). Am gefährlichsten ist wohl ein dritter Prozess, bei dem Alceste um sein Vermögen gebracht werden soll; auch das wird von Molière nicht weiter ausgeführt (und – so viel sei vorweggenommen - in Salzburg einfach weggelassen).
Immerhin hat dieser Menschenfeind Schlag bei Frauen: Die ernsthafte Eliante ist ihm zugetan (und würde am besten zu ihm passen); die moralische (oder nur bigotte?) Arsinoé versucht mit nicht ganz feinen Manövern, ihn ihrer – vorgeblichen – Freundin Célimène auszuspannen; und bei dieser scheint er der Favorit unter den (mindestens) vier Verehrern zu sein. Seltsam ist nur (und dessen ist er sich sehr wohl bewusst), dass dieser korrekte Alceste ausgerechnet in Célimène verliebt ist, die doch das Zentrum der verspielt-verlogenen Gesellschabt bildet. Selbst als sich herausstellt, dass Célimène mit allen vier Verehrern nur gespielt hat und als sich die andern empört zurückziehen, will Alceste ihr immer noch treu bleiben. Erst als sie sich weigert, mit ihm zusammen die verkommene Gesellschaft zu verlassen und in die Einöde (französisch: désert – womit hier nicht „Wüste“ gemeint ist, sondern ein Landsitz irgendwo in der Provinz) zu ziehen, zieht er endgültig die Konsequenz und
„… macht (sich) für immer von ihren unwürdigen Fesseln los …
Von allen Seiten verraten, mit Unrecht überhäuft,
verlasse ich einen Abgrund, in dem die Laster triumphieren,
und suche auf der Erde nach einem entlegenen Ort,
wo man die Freiheit hat, als Mann von Ehre zu leben“
(„De vos indignes fers pour jamais me dégage …
Trahi de toutes parts, accablé d’injustices,
je vais sortir d’un gouffre où triomphent les vices,
et chercher sur la terre un endroit écarté
où être homme d’honneur on ait la liberté“ ) **)
Von 1666 bis 2026: zwischen Komödie und Tragödie
Hören wir „Molière“ – denken wir „Komödie“. In der zweisprachigen Reclam-Ausgabe „Misanthrope / Menschenfeind“ steht ja auch die Gattungsbezeichnung „Comédie / Komödie“. Allerdings verstand man zu Molières Zeit unter „comédie“ nicht unbedingt „Komödie“ in unserem Sinne; vielmehr konnte es auch einfach „Schauspiel“ bedeuten. Und wirklich: Alceste ist am Ende rundum gescheitert: als Liebhaber, als Mitglied der feinen Gesellschaft (und wohl auch finanziell) – ist also ein tragischer Held. Als solchen sah ihn auch (nicht nur) Goethe: als einen Idealisten, der an der oberflächlich-verlogenen Gesellschaft scheitert.
Das schließt nicht aus, dass zwar einerseits Molières Publikum (= die höfische Gesellschaft) seinen „Misanthrope“ durchfallen ließ (vielleicht, weil diesmal einer der ihren verspottet wurde und nicht ein verachteter Bürger), dass man aber den unangepassten Alceste sehr wohl als komische Gestalt verlachte: so benahm man sich in diesen Kreisen einfach nicht!
Und heute?
1979 versetzte Hans Magnus Enzensberger die Gesellschaft um Alceste und Célimène in die damalige Bonner Republik – eine Übertragung, die erstaunlich gut gelang:
„Auf Schritt und Tritt begegneten mir … Reaktionen, Mechanismen, Verkehrsformen, die denen der Komödie bis ins Detail glichen. Ich entdeckte, dass die Party, die 1666 auf der Bühne vom Palais-Royal begann, immer noch andauert“ *).
Die Salzburger Inszenierung
Auch Jette Steckel und ihr Dramaturg David Heiligers verorten den „Menschenfeind“ „in einer westlichen, gutsituierten Gesellschaft der Gegenwart“. So haben sie ihn jetzt, 2026, in Salzburg inszeniert, „als ginge es um uns selbst … Die sogenannten Witzfiguren, das sind wir“.
Dabei entspricht ihr Blick auf ihren Alceste (überzeugend: André Szymanski) durchaus der Tradition: Er praktiziert „radikale Ehrlichkeit“ – was Steckel aber sehr wohl kritisch sieht:
„absolute Aufrichtigkeit kann ganz schön weh tun und verletzend sein. Unter dem Deckmantel von Ehrlichkeit lässt sich nämlich gut Kritik üben“ (Programmheft).
Dies demonstriert sie zum Beispiel in der drastisch ausgestalteten Szene, in welcher die bigotte Arsinoé (Lisa Hagmeister) ihrer „guten Freundin“ Célimène (Maja Schöne) genüsslich all ihre Fehler unter die Nase reibt – natürlich nur um ihr „zu bezeugen, wie freundschaftlich ich im Herzen für Sie empfinde“ – was diese ihr dann prompt mit gleicher Münze heimzahlt.
Die ungeschminkte Ehrlichkeit ist für Steckel nur ein Beispiel für konsequentes Handeln, welches – 2026 vermutlich mehr als 1666 – zu Problemen führt:
„Alle Konsequenzen zu ziehen, die wir notwendig finden, würde bedeuten, am gesellschaftlichen Leben kaum mehr teilnehmen zu können. Es ist unmöglich, sich absolut korrekt zu verhalten [etwa gegenüber der natürlichen ebenso wie der gesellschaftlichen Umwelt] – und gleichzeitig so zu leben, wie wir leben“.
Damit wird die Position von Philinte gestärkt, dem Freund und Gegenspieler von Alceste, der eine ausgleichende Position einnimmt und einen Kompromiss zwischen Konsequenz und gesellschaftlicher Einpassung propagiert. Die Interpreten haben schon immer diskutiert, wer von den beiden, Alceste oder Philinte, wohl als Alter Ego, zumindest als Sprachrohr des Verfassers anzusehen sei. In Steckels Inszenierung wird die Rolle Philintes noch einmal aufgewertet, allein schon durch die hochkarätige Besetzung mit Barbara Nüsse, der „Grande Dame“ des Hamburger Thalia-Theaters.
Deutlich aufgewertet wird auch Célimène. Sie ist hier nicht Party-Girl … naja, sagen wir: nicht nur Party-Girl, sondern eine selbstbewusste junge Frau. Ihre Tändelei mit (mindestens) vier Verehrern wird ihr gemeinhin als Charakter-Defizit ausgelegt. Hier steht sie selbstbewusst dazu, erklärt, wie „sich aus Neigungen ein breites Netz entspinnt“, nach dem Motto „Sie beide wissen sich doch geliebt von mir“ (was wollen Sie also?!) und: „Wir brauchen uns. (Mit Blick ins Publikum) Ich hoffe auf Sie.“ Sie möchte „beiderlei Liebe offen ausleben“, wobei sie – scheint’s – noch nicht mal vor Geschlechtergrenzen Halt macht: „Ich möchte eine Frau sein! Ich möchte ein Mann sein!“
Sie bekennt sich also zur Polyamorie – was Alceste nicht mitmachen kann („Zur Rudelbildung bin ich nicht bereit“), weshalb er sie in dieser Inszenierung gar nicht erst auffordert, ihn ins selbstgewählte Exil zu begleiten.
Als ob das nicht modern genug wäre!
Und es gibt weitere Bemühungen, den Eindruck von „Altbackenem“ erst gar nicht aufkommen zu lassen:
Zum Beispiel auch mal ein drastisches Bild: wenn Alceste sich mit Orontes umstrittenem Sonett demonstrativ den Hintern abwischt – was sich durchaus auf Molières Text zurückführen lässt, wo Alceste dem Manuskript bescheinigt: „… il est bon à mettre au cabinet“ (V. 376), was Köhler so übersetzt: „es gehört an einen Ort, wo es keiner mehr findet“. In seinen Anmerkungen weist Köhler aber auf „eine Doppeldeutigkeit von der unverfrorenen Art“ dieses „mettre au cabinet“ hin:
„Für Wohlerzogene bedeutet es ‚tief hinten in der Schreibtischschublade‘; für Übeldenkende freilich etwas viel Schlimmeres, was sich auf einer klassischen Bühne niemals sagen ließ …“ (S. 195 ff.).
Ungewöhnlich: das Bühnenbild (Florian Lösche): Auf der Bühne ist ein Podium mit ungefähr zehn Sitzreihen aufgebaut, so dass sich zwei Publikumsgruppen gegenübersitzen (und sich – wie eine Zeitung schreibt – „beim Zuschauen zuschauen können“). Das reduziert den Spiel-Raum für die Darsteller auf einen recht schmalen Streifen zwischen den beiden Zuschauer-Blöcken – was den Eindruck von einem Gegenüber der Akteure, womöglich von Gegeneinander und Konfrontativem betont. Steckel nennt das „eine Art moderne Arena, ein Wettkampfplatz für Diskurssport“, dessen Teilnehmer gar „eine Art Kampfausrüstung“, zumindest „ihre eigene Farbe“ tragen:
Man könnte nämlich meinen, Kostümbildnerin Pauline Hüners habe jeden Darsteller in einen Farbtopf getaucht, um ihn von Kopf bis Fuß monochrom einzufärben: von cremefarben (Célimène) über blassrosa (Oronte) – orange (Arsinoé) – rot (Éliante) bis zu leuchtendem Blau (Philinte). Man mag rätseln, ob die Farben eine Bedeutung haben; auf die politische Farbenlehre sollte man dabei nicht zurückgreifen, ebenso wenig auf Molières Text: dort wird lediglich mal Alceste mit „grün“ assoziiert, der aber hier ein düsteres Braun trägt.
Ein Triptychon = Modernisierung?
War’s das jetzt? – Ach so, ja – Stichwort „Modernisierung“: Jette Steckel und David Heiligers haben ihren „Menschenfeind“ als „Triptychon“ inszeniert:
„Drei Etüden zum Thema Kommunikation in unserer Zeit: erst ein Konzert mit Rap-Texten von UWE … dann ein Video, das zwischenmenschliche Kommunikation … auf grafischer Ebene“ wiedergeben“ soll.
Mit den scheinbar durch die Luft schwebenden grafischen Symbolen konnte ich gar nichts anfangen. Mit dem Rap-Vortrag wenig; immerhin sind ein paar Formulierungen aufgefallen (ohne dass ein Zusammenhang erkennbar gewesen wäre): Vom (selbstironischen?) „Sie spielen wieder Molière Und alle nur so Yeah“ über ein klassenkämpferisches Zitat aus Brechts „Kinder-Alfabet“ von 1934 (Zum Reichen sagt der Arme bleich: „Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“) bis zum (konsumkritischen?) „Hab alles satt, doch ich liebe den Konsum“. (Dabei war ich bei Weitem nicht der Einzige, der den Sinn dieser beiden Prologe nicht einsehen mochte – aber nach 20 Minuten war’s vorbei, und das eigentliche Stück konnte beginnen).
Zugegeben, der Rapper Ole Lagerpusch hat eine grandiose Show abgezogen und reichlich Applaus einkassiert (aus der Premiere wurde berichtet, dass auch das Publikum mitmachen durfte / musste. Das blieb uns in der zweiten Aufführung erspart – Danke!). – Seltsam mutet an, dass ausgerechnet dieser gefeierte Rapper Lagerpusch (der „nach dem Bombenauftritt zu Beginn alle Herzen auf seiner Seite hat“, wie die Deutsche Bühne schreibt) nachher den unsympathischen Möchtegern-Dichter Oronte spielen musste, also den unglücklichen Verfasser des üblen Sonetts. Wobei, um das auch mal zu sagen: soo schlecht war das eigentlich gar nicht …
Landestheater Salzburg
Salzburger Festspiele 2026
Eine Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg
Molière (1622 - 1673)
Der Menschenfeind
Ein Triptychon
Aus dem Französischen (Le Misanthrope) von Frank-Patrick Steckel
In einer Fassung von Jette Steckel und David Heiligers
Leitungs-Team:
• Jette Steckel Regie
• Florian Lösche Bühne
• Pauline Hüners Kostüme
• Matthias Jakisic Komposition und Musik
• UWE Lyrics und Songwriting
• Mark Badur Sounddesign
•
Paulus Vogt,
Doria Worden
Lichtdesign
• Zaza
Rusadze,
Malwine Mangold-Volk Video
• David Heiligers Dramaturgie
Darsteller:
• André Szymanski Alceste
• Barbara Nüsse Philinte
• Ole Lagerpusch Oronte
• Maja Schöne Célimène
• Cathérine Seifert Éliante
• Lisa Hagmeister Arsinoé
• Cino Djavid Acaste
• Camill Jammal Clitandre
• Matthias Jakisic r Live-Musik
Hamburger Premiere: 18. Sept. 2026, Thalia Theater
www.thalia-theater.de/de/termine
*) Der Menschenfeind. Nach dem Französischen des Molière von Hans Magnus Enzensberer. – Frankfurt/M. 1979 – Insel Taschenbuch 401 - 202023.
**) MOLIÈRE: Le Misanthrope / Der Menschenfeind. – Französischl / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Hartmut Köhler. – Stuttgart 2005. – Reclam 8924.