Sehenswertes „Versprechen“

Ein Fest für Schauspieler

Dürrenmatts Krimi im Detmolder Grabbe-Haus

(Fotos: Landestheater Detmold -Lontzek)

Der Autor

Der Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt (geb. am 05.01.1921 in Konolfingen / gest. am

11.12.1990, in Neuenburg) ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren nach dem Zweiten Weltkrieg. Insofern kann auf biografische Details verzichtet werden (Interessierte mögen sich bei Wikipedia & Co. bedienen).

 

Hier soll der Hinweis genügen, dass Dürrenmatts Werk ein breites Spektrum abdeckt – sowohl inhaltlich als auch qualitativ: Neben seinen vielbeachteten Kriminalgeschichten steht mit „Durcheinandertal“ ein Roman, den man als wirr, obskur, ja: als „Dreck“ (Reich-Ranicki) bezeichnen kann (mehr). Von seinen ca. zwei Dutzend Theaterstücken sind viele zu Recht vergessen; einige böten gewitzten Theatermachern interessanten Stoff und zwei gehören unbestritten zur Weltliteratur: „Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“.

 

Sie haben’s wieder getan …

Und was macht das Landestheater Detmold? Wie schon im Falle Horváths bringen sie nicht eines der Stücke Weltliteratur auf die Bühne; auch nicht eine der Farcen, die so gut in unsere Zeit passen könnten (etwa die dialektisch-absurde Geschichte des Bankers „Frank V.“ oder die „ungeschichtliche historische Komödie“ „Romulus der Große“ über zwei Feldherren, die lieber Hühner züchten, als eine kriegerisch-blutige Diktatur zu errichten). Nein – stattdessen hat man wieder mal einen Roman verwurstet, der seinerseits auf ein Filmdrehbuch zurückgeht: 

 

Die Geschichte: „Das Versprechen“

Der Züricher Kriminal-Kommissär Matthäi hat der Mutter eines ermordeten Mädchens versprochen, den Mörder zu finden. Dieses Versprechen bestimmt sein weiteres Leben. Für seine Polizeikollegen ist der Fall nach dem erpressten Geständnis eines Unschuldigen erledigt. Der fähige Ermittler Matthäi kommt dagegen dem wahren Schuldigen auf die Spur; seine sture Beharrlichkeit führt fast zur Verhaftung – doch kurz vorher vereitelt ein Zufall (oder doch das Schicksal?) den Erfolg.

 

In einer Rahmenhandlung – einem langen Gespräch zwischen Polizeikommandant und Krimi-Autor – thematisiert Dürrenmatt ausführlich die Rolle des Zufalls in der realen Polizeiarbeit und kritisiert, dass in Krimis der Zufall ignoriert und stattdessen logische Abläufe konstruiert werden.

 

 

 

 

 

Eine ausführlichere Kritik des Romans und Dürrenmatts Einstellung zum Zufall findet sich auf der Literaturseite. 

 

 

 

Sehenswerte Inszenierung

Der Inhalt dieses Romans kommt jetzt also auf die kleine Bühne im Detmolder Grabbe-Haus. Dabei begnügen sich die Theatermacher noch nicht einmal auf die Binnengeschichte, die Krimi-Handlung, sondern beziehen auch die Rahmenhandlung mit ein (indem man – beispielsweise – mal den Schriftsteller übers Schreiben reflektieren lässt) – was die Gestaltung eines flüssigen Bühnengeschehens nicht gerade erleichtert.

Aber – wie Dramaturgin Laura Friedrich in ihrer Einführung betont: Die Darstellung in verschiedenen Handlungsebenen ermöglicht es, verschiedenen Wahrheiten auf die Spur zu kommen. Denn: Was ist Wahrheit?  

 

Ob die Inszenierung diese Frage beantwortet, darf bezweifelt werden. Doch hat man am Ende einen ganz guten Eindruck davon, was Dürrenmatt seinen Lesern sagen will. Und das Ganze spannend und unterhaltsam dargeboten.

 

Also: eine Inszenierung, die sich sehen lassen kann!

 

Zwar beginnt der Abend mit einer ziemlich nervenden Szene (der am Ende eine fürchterlich nervende Szene folgt!): Der Autor sitzt am Tisch und hämmert – laut mitsprechend – die ersten Zeilen des Dürrenmatt’schen Originaltextes in seine alte Schreibmaschine. Fast kriegt man Angst, so könne es jetzt zwei Stunden weitergehen, aber das wollen Regisseur Jan Steinbach & Co. ihrem Publikum dann doch nicht zumuten: Also animiert der Autor seine Mitspieler zum Mitspielen, so dass die Geschichte dann tatsächlich gespielt anstatt zitiert wird.

 

Allerdings bleibt es nicht beim konventionellen, beim „reinen“ Theaterspiel. Die Beschränkungen, denen der Regisseur auf dieser kleinen Bühne mit diesen wenigen Darstellern unterliegt, werden ausgeglichen, werden überspielt, ja, vielleicht geradezu ironisiert, fast wie bei Brecht (von dem sich Dürrenmatt bewusst absetzte, mit dem er aber den Hang zum „epischen Theater“ teilte):

 

 

Da wird mal die Schweizer Landschaft durch Ölgemälde visualisiert; Situationen werden durch Lego-Figuren nachgestellt, so dass man manchmal den Eindruck hat, eher einer Dokumentation als einem Theaterspiel beizuwohnen. Immer wieder eingeschobene naturalistische Details (das Quietschen der schicken Schuhe im Matsch) sind da ein guter Kontrast.

 

(Foto: wasa)

 

Für diesen episch-dokumentarischen Charakter bildet das Bühnenbild den passenden Rahmen:  

 

Die Bühne

 

Ausstatterin Carla Nehle Friedrich begnügt sich mit einem langen Tisch (der an Putin denken lässt, was aber wohl nicht Absicht war). Daran tippt der Schriftsteller seinen Text; daran berät die Psychologin den Kommissär; darauf werden Situationen nachgestellt. Nach hinten wird der Schauplatz durch einen bühnenbreiten einfachen Vorhang abgeschlossen, der geschickt ins Spiel einbezogen wird, indem er mal hier, mal da ein Stück geöffnet wird um die Personen auftreten zu lassen und um auch mal einen Szenenwechsel zu symbolisieren – gut gemacht!

 

Die Darsteller

 

Ansonsten brauchen die Darsteller diese Auftrittsmöglichkeit nicht unbedingt. Obwohl sie dauernd die Rollen wechseln müssen. Aber das tun sie gern auch mal auf offener Bühne, wo die Kostüme an einer rustikalen Hirschgeweih-Garderobe auf ihren Einsatz warten.

 

Und dieses dauernde Rollenwechseln ist das Faszinierendste an diesem Theaterabend. Die Inszenierung wird so zu einem Fest für die Darsteller, welche dauernd in andere Persönlichkeiten schlüpfen, um diese dann alle hervorragend zu charakterisieren!

 

 André Lassen verkörpert den hochintelligenten Polizeikommissär ebenso souverän wie den (etwas) debilen Kindermörder. – Hartmut Jonas gibt den (yuppie-haften?) Schriftsteller und den falsch verdächtigten Hausierer, und er ist trotz Bart auch als die schlampige Frau Heller glaubwürdig. – Jürgen Roth kann sowohl den schweizerisch-immer-korrekten Polizeikommandanten als auch den gestressten und deshalb (gerade nur so ein bisschen) angetrunkenen Gemeindepräsidenten. –

 

 

 Und schließlich die phänomenale Alexandra Riemann, die nicht nur fast alle Frauenrollen spielt, sondern auch noch den Psychologen übernimmt: Acht (wenn ich richtig mitgezählt habe) Verkörperungen von äußerst unterschiedlichen Figuren: die auffällige Polizistin, welche eine unauffällige Polizistin spielt; die schlampige Kellnerin, welche auf den Tisch spuckt, um ihn abzuwischen (ein gern-belachtes Regie-Späßchen); die kalt-verzweifelte Mutter des toten Mädchens, das kindlich-naive Beinahe-Opfer … und, ganz zum Schluss (Sie erinnern sich an die Ankündigung einer „fürchterlich nervenden Szene“?): die „Mutti“ des Mörders, die auf ihrem Sterbebett dem Polizeikommandanten die ganze Geschichte und damit die Lösung des Falles präsentiert – krimi-dramaturgisch eine Todsünde (mehr dazu in meiner Kritik des Romans), aber dafür können die Detmolder nichts (außer, dass sie diese Vorlage ausgesucht haben). Und noch einmal ein Höhepunkt für die Darstellerin: wie sie mit nervtötend-schleppender Altweiberstimme diese Geschichte (die schon in der Romanvorlage ob ihrer Langatmigkeit kaum zu ertragen war) eeendlooos und selbstgerecht vor dem Polizisten und damit vor den Zuschauern ausbreitet … „Davon werde ich heute Nacht träumen“, meinte eine Zuschauerin beim Rausgehen.

 

Aber vorher hat sie – wie das Publikum insgesamt – dem Ensemble den verdienten kräftigen Beifall gespendet.

 

 

 

Landestheater Detmold – Bühne im Grabbe-Haus:

 

 

Das Versprechen

von Friedrich Dürrenmatt in eine Fassung von Jan Steinbach

Jan Steinbach:             Regie

Carla Nele Friedrich:    Ausstattung

Laura Friedrich:           Dramaturgie

Kerstin Steinke:           Maske

Patrick Engelke &       

         Dirk Pysall:          Licht und Ton

 

Hartmut Jonas:            Schriftsteller

                                    von Gunten

                                    Herr Moser

                                    Frau Heller

André Lassen:              Kommissär Matthei

                                    Albert Schrott

Jürgen Roth:                Polizeikommandant

                                    Lehrer

                                    Gemeindepräsident

Alexandra Riemann:    Frau Moser

                                    Frl. Krumm

                                    Ursula

                                    Prof. Locher

                                    Annemarie

                                    Frau Schrott

                                    Henzi   /  Riesen                                 

 

 

Premiere:                    Samstag, 10.09.2022

 

Weitere Aufführungen (ohne Gewähr – s. Spielplan Landestheater)  

im Grabbe-Haus:          So, 16.10.22, 18:00

                                    Mi, 19.10.22, 19:30

                                    Do, 20.10.22, 19:30

                                    Fr,  11.11.22, 19:30

                                    Fr,  16.12.22, 19:30 (zum letzten Mal in dieser Spielzeit)

 

Andere Spielstätten:     Mo, 31.10.22, 19:30:     Lemgo, CIIT

                                     Fr, 25.11.22, 19:30:       Bad Oeynhausen, Theater im Park

                                     Mi, 07.12.22, 19:30:      Gummersbach, Halle 32