Der Gang vor die Hunde

Landestheater zeigt Falladas "Kleiner Mann - was nun?" als pessimistisches Lehrstück

(alle Fotos: Landestheater)

WaSa   -   Detmold.     Nein - ich will nicht schon wieder meine Vorbehalte gegen die Dramatisierung von Romanen ausbreiten. Aber natürlich bestätigt sich auch diesmal: Wenn 425 Taschenbuch-Seiten in weniger als 150 Theaterminuten gepresst werden, dann geht zwangsläufig eine Menge Inhalt verloren – auch wenn der Kern der Geschichte schnell erzählt ist (ausführliche Besprechung von Falladas Roman auf der  Literaturseite):

Die Geschichte:

In der späten Weimarer Republik verlieben sich Johannes Pinneberg und Emma Mörschel, genannt Lämmchen. Wie’s halt so geht („Wir sind junge Leute“), wird sie schwanger. Sie heiraten, kämpfen gegen den dauernden Geldmangel und gegen die sich verschärfende Krise. Bis Pinneberg dann doch seine schlechtbezahlte Stelle als Textilverkäufer im Berliner Kaufhaus verliert. Arbeitslos! Einer von Millionen. Ohne Chance. Von Anfang an war das Arbeiterkind Lämmchen die Stärkere, die Lebenspraktischere, die „ihrem Jungen“ Halt(ung) gibt und die letztlich mit Näharbeiten die kleine Familie über die Runden bringt ...

 

So weit – so gut. Aber die besondere Atmosphäre dieses Zeitromans geht durch Kürzungen leider in großen Teilen verloren; vor allem aber fehlt die Tiefenschärfe in der Personencharakterisierung!

Zadeks Revue - ein Vorbild?

Im Falle von „Kleiner Mann – was nun?“ kommt hinzu, dass sich eine Bühnenversion nicht nur an Falladas originalem Roman von 1932 messen lassen muss, sondern auch an Tankred Dorsts Dramatisierung und der legendären Inszenierung, mit der Peter Zadek seine (hier muss der Begriff einfach wiederholt werden:) legendäre Intendanz am Bochumer Schauspielhaus eröffnet hatte (mit Hannelore Hoger als Lämmchen). Das war allerdings 1972, noch vor der Ölkrise, in einer Zeit von Vollbeschäftigung und anhaltender Wachstumshoffnung. In jenem Umfeld konnte man Arbeitslose schon mal in einer heiteren Revue auftreten lassen. Später, in schlechteren Zeiten, wirkte das zynisch. Seither gab es zahlreiche weitere Dramatisierungen des Romans; den Erfolg Zadeks vermochte keine zu wiederholen; erst die Münchner Kammerspiele konnten 2009 mit der vierstündigen – und sehr viel ernsteren - Fassung von Luk Perceval wieder überzeugen.

Ein Lehrstück!

Am Landestheater Detmold verwenden Regisseur Malte Kreutzfeldt und Dramaturg Christian Katzschmann jetzt einen Text von Michael Thalheimer und Sibylle Baschung, der Anfang 2013 in Frankfurt uraufgeführt wurde, dann bei den Ruhrfestspielen zu sehen war – und bei der Kritik auf geteiltes Echo stieß.

 

War Dorsts/Zadeks Ausstattungs-Revue vergnüglichstes kulinarisches Bühnenspektakel, so verwandeln Thalheimer/Baschung den Roman in requisitenfreies aber engagiertes episches Theater, ja, beinahe in ein richtiges Brecht’sches Lehrstück.

 

In Detmold schafft Ausstatterin Birgit Angele die abschüssige Grundlage für pessimistisches Wirtschaftskrisentheater: ihre Bühne ist eine Fläche, so rund wie die Welt (siehe Saison-Programm!) – und so schief, dass sie nur unsicheren Halt bietet. Die Symbolik ist allzu klar: Die Protagonisten kommen nicht hoch; immer wieder rutschen sie ab, Pinneberg schon gleich bei seinem Heiratsantrag ...

 

Hinter dieses Brettern, die eine feindliche Welt bedeuten: ein Halbkreis aus sieben Tischchen mit Leselampen. Und im Hintergrund eine übermannsgroße Denkerfigur, die offenbar keine andere Funktion hat, als der Hauptperson am Ende des Stücks als Versteck zu dienen (anstelle der Sträucher, die in Falladas Buch stehen).

 

Allmählich trudeln die Schauspieler ein, als kämen sie zur ersten Leseprobe. Allmählich nehmen sie ihre Plätze an den Tischchen ein – und das immer wieder, den ganzen Abend, wenn sie gerade nicht auf der Bühne gebraucht werden. Einige versuchen sich schon mal auf der schiefen Ebene, bevor sich alle wie zum Gruppenfoto aufstellen. Oder sich zum Chor formieren, der jetzt einsetzt:

 

„Wehe-Wind, Puste-Wind,

Nimm den Hut nicht meinem Kind!

Sei gelind zu meinem Kind ...“

 

Dieses „alte Lied aus Pinnebergs Kinderzeit“ findet sich ganz am Anfang des Romans, wenn das unverheiratete Liebespaar erfährt, dass ein Kind unterwegs ist. Dort fallen die Verse nicht besonders auf (Anmerkung 1), doch auf der Bühne, vom Chor düster raunend vorgetragen, wirken sie wie ein Omen für die schlechten Tage die kommen werden ...

Der Chor als Bedeutungsträger

Und der Chor – die jeweils unbeschäftigten Darsteller – kommentiert auch weiterhin das Geschehen, begleitet die traurigen Helden auf ihrem Gang vor die Hunde (Anmerkung 2).

 

Und tatsächlich! Vor allem dieser Chor schafft es, die durch Textkürzungen verlorene Atmosphäre wieder herzustellen. Natürlich nur teilweise, einseitig: Während Dorst/Zadek auf „Goldene Zwanziger“-Glamour gesetzt haben, betonen Kreutzfeldt/Katzschmann ganz die düstere Seite, die Existenznöte der kleinen Leute in der Krise. Selbst der einigermaßen tröstliche Romanschluss wird dem Zuschauer weggenommen: Fallada öffnet wenigstens noch Raum für ein bisschen kleines Familienglück in der großen schlimmen Welt: „Wir sind doch beisammen“. Doch auf der Landestheaterbühne herrscht am Ende pure Verzweiflung: „Sind wir denn ganz allein?“

Eine gelungene Adaption? - Ja! ...

Es ist wirklich beachtlich, mit welchem Geschick und Einfühlungsvermögen die Autoren die entscheidenden Sätze aus Falladas Roman herausgesucht haben, um mit ihnen – meist über den Chor – dem Zuschauer die Situation der kleinen Angestellten in der Krise nahezubringen: das Sich-bescheiden-müssen der Kleinverdiener, die Allmacht der Arbeitgeber, das Anziehen der Leistungs-Schraube, Konkurrenzdenken statt Solidarität. Und vor allem die Ur-Angst, das wie ein Mantra wieder und wieder und wieder beschworene „Nur nicht arbeitslos werden!“

 

Eine gelungene Adaption also? – Ja! Durchaus! Allerdings mit ein paar Fragezeichen!

... aber ...

Zum Beispiel gibt es da eine Szene, wo der Verkäufer Pinneberg einen Anzug verkaufen soll, und zwar einem etwas verschüchterten Mann („ein solcher Wurm“) in Begleitung von gleich drei dominanten Frauen (Ehefrau, Schwiegermutter, Schwägerin?) – in vielen Inszenierungen ist das ein Kabinettstückchen über einen Verkäufer-Alptraum. Hier wird diese Szene als Ein-Personen-Stück mit albernem Rumgehampel verspielt – schade drum! Viel gravierender die zweite Verkaufsszene, eine Schlüsselszene des Stücks, der Anlass für Pinnebergs Entlassung. Auch hier muss Roman Weltzien beide Rollen, die des ängstlich-bemühten Verkäufers und die des anspruchsvoll-arroganten Filmstars als Kunden spielen – was er hervorragend macht, wodurch aber trotzdem der Szene viel an Effekt genommen wird. Vollkommen unverständlich und damit geradezu ärgerlich schließlich: Dass der Abteilungsleiter, während er den verärgerten Kunden beruhigt und Pinneberg rausschmeißt, sich seiner sämtlichen Kleider entledigt. Bitte? Was soll das denn?

 

Nicht, dass das Stück keine Nacktheit vertrüge! Im Gegenteil - die Romanvorlage liefert dafür genug Möglichkeiten (und Zadeks Inszenierung mag ihren Erfolg nicht zuletzt den großzügigen FKK-Szenen verdankt haben). In der Detmolder Inszenierung dagegen wird dem Publikum nur in vagen Andeutungen vermittelt, dass der Starverkäufer Heilbutt im Privatleben auch noch andere Interessen habe. Kein Mensch könnte daraus schließen, dass es sich dabei um Freikörperkultur handelt. Auch nicht, dass – in seiner Freizeit gemachte - Aktfotos der Grund für seine überraschende Entlassung waren. Weil Kund(-inn!-)en solche Fotos sehen könnten, und überhaupt: wegen der Moral, hat der Abteilungsleiter den Hobby-Nudisten rausgeschmissen. Und ausgerechnet dieser Abteilungsleiter macht sich jetzt auf der Landestheaterbühne mitten im Kundengespräch nackig! - ???

Die Darsteller

Es wurde schon angedeutet: Mit das größte Manko (auch) dieser Roman-Dramatisierung ist der Verlust an Gestalten. Ein riesiges Personaltableau schnurrt zusammen auf einige wenige Protagonisten. Im Personenverzeichnis von Dorsts Revue standen immerhin 27 Namen (darunter Hans Albers, der Teufel und seine Großmutter), dazuhin „Tippsen, Girls und viele andere“. Zadek hatte dafür 25 Schauspieler eingesetzt. Das Detmolder Programm verzeichnet noch18 Personen, die auf 8 Darsteller verteilt sind. Nur Karoline Stegemann und Roman Weltzien dürfen sich auf jeweils eine Rolle, die beiden Hauptpersonen, konzentrieren – und tun dies mit Bravour! Alle andern haben zwei bis vier Charaktere zu bewältigen und sind als Chor auch noch für das große Ganze mitverantwortlich. Christoph Gummert beispielsweise verkörpert den Kleinstadt-Casanova Schultz ebenso gekonnt wie den strippenden Herrenkonfektions-Abteilungsleiter. Natürlich ist Mutter Mörschel bei Kerstin Klinder bestens aufgehoben; ebenso wie der elegante Heilbutt bei Markus Hottgenroth oder die Witwe Scharrenhöfer bei Henry Klinder (hier z. B. hätten wir uns mehr gewünscht; die starke Verkürzung dieser Szene ... aber lassen wir das). Ewa Rataj glänzt (wie man’s von ihr gewohnt ist) als Lebedame Mia Pinneberg, obwohl man sich diese deutlich älter vorgestellt hatte, ebenso wie den Halbweltler Jachmann („an die Fünfzig“) der hier von Stephan Clemens als elegant-jugendlicher Stutzer gegeben wird.

Das Publikum ...

... hat nach der Vorstellung, die ich gesehen hatte, den angemessen-verdienten Beifall gespendet. Auch wenn zumindest einige Bekannte, die weder den Roman noch den Stücktext gelesen hatten, so manches nicht so recht verstanden hatten.

Kleiner Mann - was nun?

Von Sibylle Baschung und Michael Thalheimer nach dem Roman von Hans Fallada

 

Regie:                Malte Kreutzfeldt

Ausstattung:     Birgit Angele

Dramaturgie:     Christian Katzschmann

Emma Mörschel:  
Karoline Stegemann

Johannes Pinneberg:
Roman Weltzien

Mutter Mörschel / Frau Rusch / Seifenfrau:
Kerstin Klinder

Vater Mörschel / Jachmann:
Stephan Clemens

Witwe Scharrenhöfer / Kessler / Emil Kleinholz:
Henry Klinder

Lauterbach / Heilbutt:
Markus Hottgenroth

Schulz / Lehmann:
Christoph Gummert

Marie Kleinholz / Mia Pinneberg:
Ewa Rataj

weitere Termine:


13.02.2014
19:30 Uhr
Landestheater


28.02.2014
20:00 Uhr
Theater Hameln


24.03.2014
20:00 Uhr
Stadthalle Kleve


27.03.2014
19:30 Uhr
Landestheater


06.04.2014
14:15 Uhr
Landestheater