Die Last der Langeweile

Büchners „Leonce und Lena“ im Detmolder Hoftheater

(Fotos: Landestheater Detmold - Lontzek)

(g.wasa   -   Detmold.)     -     „Wollen wir ein Theater bauen?“, fragt Prinz Leonce von Popo die ihm frisch angetraute Prinzessin Lena von Pipi. Doch die „schüttelt den Kopf“.

 

Und so blieb wohl Büchners (fiktives) Königreich Popo ohne eigenes Theater – im Gegensatz zu vielen anderen der zahlreichen Klein- und Kleinst-Staaten, aus welchen sich Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts zusammensetzte und deren „Duodez-Fürsten“ sich ein Hoftheater als Statussymbol leisteten (so dass Ralph Bollmann in seinem lesenswerten Opern-Überblick „Walküre in Detmold“ auch heute noch auf allein 84 öffentliche Opernhäuser in Deutschland kommt – „ungefähr so viele wie im ganzen Rest der Welt“).

 

Im Fürstentum Lippe gründete Fürst Leopold II. im Spätherbst 1825 (also gut 10 Jahre vor Prinzessin Lenas Kopfschütteln) das Fürstliche Hoftheater in Detmold, welches heute im (eigentlich republikanischen) Landestheater weiterlebt.

 

Und dieses Landestheater räumt alle Frühjahre wieder seinen Innenhof aus, bestückt ihn mit Biertischen und Bratwurstbude und spielt „Hoftheater“ (eine selbstironische Anspielung auf die feudalistische Tradition?).

 

Da trifft es sich doch gut, dass zum 200-jährigen Theater-Jubiläum ein Stück aus der Anfangszeit des Theaters auf dem Spielplan steht, welches zudem an die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse erinnert: „Leonce und Lena. Ein Lustspiel von Georg Büchner“. 

 

Der Autor

Georg Büchner (*17.10.1813 in Goddelau, Großherzogtum Hessen; † 19.02.1837 in Zürich) war Sohn eines reaktionären Arztes, wurde selbst aber – wie auch seine Geschwister – zum Revolutionär. Vor der drohenden Verhaftung floh er nach Straßburg, später nach Zürich, wo er Medizin studierte und – mit erst 24 Jahren – am Typhus starb.

 

Seine Polemik „Der hessische Landbote“ nennt HENSEL zurecht „die mitreißendste revolutionäre Flugschrift deutscher Sprache“:

 

„Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag: sie wohnen in schönen Häusern, tragen zierliche Kleider … und reden eine eigene Sprache. Das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker. … Das Leben der Bauern ist ein langer Werktag … Die Menschen schwitzen und hungern und werden geschunden … Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“

 

Angesichts seines frühen Todes musste sein literarisches Werk begrenzt bleiben. Neben einer Künstlernovelle über „Lenz“ (auch so ein Unangepasster) hinterließ er drei Dramen: „Dantons Tod“ (1835) – eines der wichtigsten politisch-historischen deutschen Bühnenwerke; „Woyzeck“ (1836) – obwohl nur Fragment: Musterbeispiel einer Sozial-Tragödie; und „Leonce und Lena“ (1836) – das Lustspiel, das er für ein Preisausschreiben verfasste, womit er aber den Einsendeschluss verpasste – nach Art und Inhalt ganz anders als die beiden anderen, seine „politischen“ Meisterwerke. Oder doch nicht?

Das Stück

 

 

Der Inhalt ist schnell erzählt: Leonce, Sohn des Königs Peter vom Reich Popo, soll die Prinzessin Lena vom Reiche Pipi heiraten. Die beiden kennen sich nicht und haben Null Bock auf die Heirat. Deshalb fliehen beide unabhängig voneinander Richtung Italien, Lena in Begleitung einer Gouvernante, Leonce zusammen mit seinem Kumpel/Diener Valerio. Wie es der Lustspiel-Gott so fügt, treffen die Königskinder aufeinander und verlieben sich prompt ineinander. Mit einem Trick ermöglicht ihnen Valerio die Heirat; erst danach stellt sich zum (überwiegend freudigen) Erstaunen aller heraus, um wen es sich bei den Neuvermählten wirklich handelt.

Natürlich hat sich Büchner nicht mit einer derart banalen Liebes-Schmonzette begnügt. Die Geschichte ist vielmehr nur der Rahmen für eine Fülle von … tja, wovon eigentlich? Ja, schon: Banalitäten, gerne aufgebrezelt zu Albernheiten. Eine Kostprobe:

 

(Valerio halb trunken, kommt, stellt ich dicht vor den Prinzen, legt den Finger an die Nase und sieht ihn starr an)      Ja!

Leonce  (eben so)      Richtig!

Valerio      Haben Sie mich begriffen?

Leonce      Vollkommen.

Valerio      Nun, so wollen wir von etwas Anderm reden.      (Er legt sich ins Gras.)

 

Wenn Büchner das Stück für ein Preisausschreiben verfasste und sich dabei beeilen musste – kann es dann sein, dass ihn diese Aufgabe an-„gähnt, wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus“ (I,3), dass dann eben irgendetwas zu Papier gebracht werden musste?

 

Oder ist er der erste Autor des absurden Theaters? Oder ein Vorläufer des Dadaismus? (Wer an den Genius Loci glaubt, mag sich bestätigt fühlen: In Zürich wohnte Büchner ganz in der Nähe des späteren „Cabaret Voltaire“, wo 1916 der Dadaismus begründet wurde).

 

Die Anhänger Büchners (und denen schließe ich mich gerne an) haben sich auf eine andere Lesart geeinigt: auf Ironie, oder besser: Satire. Es ist eine beißende, hochpolitische, geradezu aufrührerische Satire

 

„Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag: sie wohnen in schönen Häusern, tragen zierliche Kleider und reden eine eigene Sprache.

 

Was im politischen Pamphlet als schlichte Beschreibung steht, wird im Lustspiel detailliert-anschaulich (fast hätt‘ ich geschrieben: liebevoll) ausgemalt. Als dicker roter Faden zieht sich die Langeweile dieser „Vornehmen“ durch’s ganze Stück, ihre Verzweiflung an der Ödnis des Alltags, eine Verzweiflung, die einhergeht mit ihrer Sucht nach dem dolce far niente“, dem „süßen Nichtstun“, die eigentlich keine Sucht ist, sondern einfach selbstverständlicher Alltag. Diese „Vornehmen“ sind nie hungrig ins Bett gegangen, mussten nie auf ihren Champagner verzichten („ergo bibamus“); sie kennen Arbeit – und erst recht Mühe und Anstrengung – nur als Schreckensbild, das es zu meiden, ja, gar zu verbieten gilt.

Das „geschundene Volk“ kommt nur andeutungsweise vor: In Person der (vermutlich nicht-adligen) Mätresse des Prinzen, welche ebenso brutal wie gleichmütig abserviert wird, wenn dem edlen Jüngling die Langeweile mit ihr gar zu langweilig wird. Und als Volksmasse, die stundenlang als Jubelchor für die Fürstenhochzeit dressiert wird, wobei sie „brav Spiritus in sich gießen (müssen), sonst könnten sie sich in der Hitze unmöglich so lange halten.“ Dabei sollen sie noch dankbar sein:

 

„Erkennt was man für euch thut, man hat euch grade so gestellt, daß der Wind von der Küche über euch geht und ihr auch einmal in eurem Leben einen Braten riecht.“

 

Darüber hinaus gibt’s einige literarische Anspielungen: immer mal wieder auf Shakespeare, auf Goethes Werther (nach Leonces Selbstmordversuch, auch wenn da die Kleiderfarben etwas durcheinander geraten) oder auf Peer Gynts Zwiebel-Metapher (könnte man meinen – aber der war ja später). Und Experten haben eine Reihe von philosophischen Bezügen entdeckt (etwa zu Hegel und Fichte in Peters Eingangsmonolog: „Der Mensch muss denken … Die Substanz ist das ‚an sich‘, das bin ich“). Und später, in der Automaten-Szene, geht’s letztlich um die ur-philosophische Frage „Was ist der Mensch?“  -  mehr ).

 

Immer wiederkehrend ist die Ironisierung der deutschen Kleinstaaterei; und schließlich gibt’s auch noch den Spott des steckbrieflich gesuchten Georg Büchner über die tumben Polizeidiener, welche auf einen steckbrieflich gesuchten „Jemand“ lauern, „ein Subjekt, einen Delinquenten, einen Kerl. … Besondere Kennzeichen: ein höchst gefährliches Individuum.“  

 

Die Polizisten-Szene fehlt im Detmolder Hoftheater allerdings. Womöglich, weil zwei Polizeidiener in dem eng begrenzte Personal-Tableau dieser Inszenierung nicht unterzubringen waren.

 

Und damit wären wir endlich bei der ...

... Detmolder Inszenierung: Die Darsteller

Bleiben wir zunächst beim begrenzten Personal-Tableau. Von den 14 in Büchners Verzeichnis aufgeführten Rollen bleiben gerade mal sechs übrig: Leonce, dessen Alltags-Überdruss Elias Nagel herrlich zelebriert; sein Kumpel Valerio, dem Manuela Stüßer eine glaubhafte Geschlechtsumwandlung zur Valeria verpasst hat; Lena, so schön verkörpert, wie man es von Stella Hanheide gewöhnt ist; die Gouvernante, welcher Finn Nachfolger einen Hauch Seriosität mitgibt; König Popo, dem Leonard Lange genau das richtige Maß an Trotteligkeit verleiht; und Rosetta, die als verstoßene Geliebte schon in der dritten Szene ausscheidet, deren Darstellerin Ewa Noack uns aber erhalten bleibt, da sie als Joker immer wieder für die gestrichenen Staatsräte, Hof-, Zeremonien- oder Schulmeister einspringen muss, soweit diese nicht von den anderen Darstellern mit-übernommen werden oder als Jubelchor dem Publikum untergejubelt werden („Vi- vat! – Vivat!“)

Die Musik

Außerdem bildet Noack mit ihrer Melodica zusammen mit ihren fünf Kollegen die Live-Band, welche die Aufführung wesentlich mitgestaltet. Diesem „Lustspiel“ wird von Kommentatoren gerne eine „melancholische Grundstimmung“ bescheinigt, doch Melancholie will nicht so recht zur Hof-Atmosphäre passen, und deshalb hat das Landestheater gut daran getan, „Büchners sprachwitzgeladenes Stück in ein schillerndes Hoftheater-Festival mit Live-Musik und sommerlicher Leichtigkeit zu verwandeln“ (Landestheater):

 

Der Musiker Paul Sies hat 12 Stücke zusammengestellt, teilweise selbst vertont, welche mal mehr, mal weniger zur Inszenierung bzw. zu den Protagonisten passen: Leonce: „Die echte Welt: Alles was ich weiß, dass ich euer Leben scheiße finde … was ich will, weiß ich nicht“; Lena: „Ich wär so gern ein wildes Tier …. Es hat noch nie jemand Angst vor mir gehabt … Ich wär so gern ein roter Tiger“ (piya). Mal wird Rainald Grebes „Oben“ für einen Kalauer genutzt (König: „Ich bin oben“ – Prinz: „Ich bin obener“), mal fangen einige aus dem Publikum an mitzusingen, wenn „Bella Napoli“ als Zugabe geboten wird ...

 

Der Schauplatz

 

Und so bekommt das Publikum also eine rasante Show geboten, die den ganzen Innenhof zum Schauplatz macht und dabei vom Wegweiser im Zentrum ausgeht: Popo – Pipi – Italia (wobei Italien bei Büchner weniger reales Fluchtziel als vielmehr ideeller Sehnsuchtsort ist; in Detmold wird der Anschein erweckt, sie hätten’s in vielleicht zwei Tagen tatsächlich bis Italien, gar Neapel, und zurück geschafft – beachtliche Leistung, so zu Fuß oder allenfalls mal zu zweit auf einem Roller!).

 

 

Die Königreiche Popo und Pipi befinden sich in den entgegengesetzten Hof-Ecken; an prominenter Stelle steht die Bühne auf welcher ein Großteil der Musik spielt; etwas abseits eine einfache Hütte, welche mal als Bar fungiert, in welcher Leonce und Valeria ihren italienischen Vino trinken, mal als Hotelzimmer, in das sich Leonce und Lena zu ihrem ersten verliebten Treffen zurückziehen (wobei mit der Metapher „Zigarette danach“ geschickt angedeutet wird, wie weit sie dabei kommen).

 

E l’aggiornamento?

Und die Aktualisierung? Angesichts der Arbeitsscheu der privilegierten Tagediebe möchte man fast Verständnis für Friedrich Merz aufbringen. Allerdings wäre das mit einem genaueren Blick auf „oben und unten“ zu relativieren (wobei dann auch auf „E la fama? – E la fame?“/“Und der Ruhm? – Und der Hunger?“, den „Vorspann“ von „Leonce und Lena“ einzugehen wäre. - Aber dieser Text ist ohnehin schon wieder viel zu lang.)

 

Immerhin: Das 190 Jahre alte Lustspiel bietet einige Ansatzpunkte für aktuelle Bezüge: Etwa, wenn Leonce in seinem erträumten Schlaraffenland mit Solarenergie für einen ewigen Sommer sorgen will. Übrigens: wenn bei Büchner der frisch-gebackene Staatsminister Valerio dem künftigen Idealstaat „eine commode Religion“ bescheren will, so wünscht sich Lena in Detmold (falls ich mich da nicht verhört habe) „keine Religion“ – bilden Frauen also doch den mutigeren (oder vernünftigeren) Teil der Menschheit?

 

Auf derartige Chancen zur Aktualisierung gehen die Detmolder aber nicht weiter ein. Lediglich als es um die menschlichen Automaten geht, werden mal kurz „künstliche Intelligenz“ und „3-D-Drucker“ erwähnt.

 

Allerdings: Offenbar sah das ursprüngliche Regie-Konzept eine Total-Aktualisierung vor: In der Ankündigung ist Leonce nicht Prinz vom Reiche Popo, sondern „Sohn des Inhabers der Popo-GmbH“, der „die Firma seines Vaters übernehmen“ soll. (Man kann da schon mal an die folgende Premiere denken, wo Shakespeares „König Lear“ zur Wirtschafts-Magnatin Madam Lear mutiert.)

 

Und so geht’s dann auch los, wenn sich das Publikum in der „Popo-GmbH“ wiederfindet; und so endet’s auch, wenn Leonce dem Papa erklärt „Ich will deine Firma nicht“, und dann einmal mehr Rosetta einspringen muss: „Ich nehm‘ die!“  - Zwischendurch allerdings hat man die hehre Aktualisierungs-Absicht total vergessen. Allenfalls denkt der Vater als Familien-Patriarch mal „an meinen Sohn“, wogegen der König sich „an mein Volk“ erinnern wollte. Ansonsten ist da immer noch die Rede von Prinz und Prinzessin, von Schloss und Majestät, von Untertanen und Hoheit; vor allem aber bleiben auch die Verhaltensweisen feudalistisch.

 

 

 

Aber wenigstens konnte somit die Kostümbildnerin aus dem Vollen schöpfen und die Hochzeitsgesellschaft höfisch-prächtig herausstaffieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

Landestheater Detmold (Hoftheater):

Leonce und Lena

Schauspiel von Georg Büchner

 

Besetzung

 

Inszenierung                   Gustav Rueb

Ausstattung                     Milena Keller

Musik                               Paul Sies

Dramaturgie                     Magdalena Brück

 

Leonce                             Elias Nagel

Lena                                 Stella Hanheide

Papa Popo                        Leonard Lange

Valeria                               Manuela Stüßer

Rosetta                             Ewa Noack

Gouvernante Konstante    Finn Nachfolger