Turbulenter "Vogelhändler"
Carl Zellers Erfolgs-Operette am Landestheater Detmold
Roy Lichtenstein trifft Postkarten-Kitsch
(g.wasa - Detmold - 2026-10) - Als „operettige Mischung aus allerhand Opern-Referenzen vor ländlicher Postkartenidylle“ kündigt das Detmolder Landestheater Carl Zellers „Vogelhändler“ an: „Alpenpanorama trifft Pop Art“. Was damit gemeint ist, enthüllt der sich öffnende Vorhang: Eine grell-grün-blaue Voralpenlandschaft, die nur deshalb nicht kitschig („Postkartenidyll“) wirkt, weil sie mit einem groben Punktraster im Stile Roy Lichtensteins ironisch verfremdet wurde. Der Comic-Charakter wird durch eingeblendete Schrifttafeln unterstrichen: Der Hinweis „in der Pfalz“ räumt mit dem Irrtum auf, wir befänden uns in den Alpen. Das Wildschwein („grunz“) als lebendes Inventar ist nicht nur ein „Lieblingsrequisit“ von Regisseur Hans Walter Richter, es sorgt auch für erste Lacher im Publikum – dabei läuft es völlig text-widrig durch die Kulissen. Womit wir beim Inhalt wären, genauer gesagt: dem ersten von drei Handlungs-Strängen:
Der Inhalt:
Der Kurfürst hat sich zur Wildschweinjagd angesagt. Doch die notorisch wildernden Bauern haben den Bestand ausgerottet. Überdies gibt’s im ganzen Dorf keine Jungfrau mehr, welche dem Fürsten das gebräuchliche Blumengebinde überreichen könnte (allenfalls wäre da noch die Christel von der Post, aber die gehört schon zu einer andern Geschichte). Der fürstliche Jagdaufseher, Baron Weps, sowie sein Neffe Stanislaus befinden sich in einer Finanz-Klemme; deshalb ist der Baron - gegen angemessenes Schmiergeld – bereit, dem (glücklicherweise kurzsichtigen) Fürsten ein Hausschwein vor die Flinte treiben zu lassen und eine Witwe als Ehrenjungfrau zu akzeptieren. Das alles erwiese sich als unnötig, da der Fürst sein Kommen absagt. Um aber das Schmiergeld zu sichern, spielt Stanislaus kurzerhand den Fürsten.
Zweiter Handlungsstrang: Die Kurfürstin verdächtigt den Gatten, weniger auf Wild- als vielmehr auf Frauenjagd zu gehen. Deshalb erscheint sie als Bauernmädchen Marie verkleidet, um den Gemahl auf frischer Ehebruch-Tat zu erwischen; in ihrem Gefolge ist Hofdame Adelaide: reich, aber ohne Mann (und deshalb in Torschlusspanik).
Und schließlich kommt auch noch der Tiroler Vogelhändler Adam. Er ist mit der hiesigen Christel von der Post verlobt, doch fehlen den beiden noch die Mittel, einen eigenen Hausstand zu gründen. Adam nutzt den Junggesellen-Status, mit seinem rustikalen Schürzenjäger-Charme das vermeintliche Bauernmädchen Marie anzubaggern; wogegen die lebenspraktische Christel den angekündigten Kurfürsten bitten will, ihrem Liebsten eine Lebensstellung als Menagerie-Inspektor zu verschaffen.
Typisch Operette:
Damit hätten wir die wichtigsten Zutaten zu einer zünftigen Operette: Verkleidungen und daraus folgende Verwechslungen; Partnersuche, Liebe und (daraus resultierende?) Eifersucht; zwei Paare, die sich noch finden beziehungsweise zusammen-raufen müssen; ein ordentlich geschichtetes Neben- (oder Durch-) einander von adligem Oben und gewöhnlichem Unten. Endziel: das eine oder andere Happy End, auf welches die Handlung hin-mäandriert.
In seinen „Anmerkungen zum Volksstück“ karikiert Bertolt Brecht den „guten Schluss“ so: „Die Bösen werden bestraft, und die Guten werden geheiratet, die Fleißigen machen eine Erbschaft ...“
Bei der Bestrafung des Bösen stellt der Detmolder Schluss des „Vogelhändlers“ nicht ganz zufrieden: Soo böse war der abgebrannte Graf Stanislaus denn doch nicht, dass er deshalb ins Kloster geschickt werden müsste. Aber ansonsten passt’s scho:
Ohne auf den Weg (und die Umwege) dorthin eingehen zu wollen: Die Christel kriegt ihren Adam. Baronin Adelaide kriegt den Baron Weps. Dieser macht anstatt der Erbschaft eine gute Partie (ist allerdings nicht unbedingt fleißig). Und wer will, kann als drittes Happy End für die Kurfürstin verbuchen, dass sich ihr Ehebruch-Verdacht gegen den Gemahl nicht bestätigt.
Alles paletti, also. Und dazuhin: das … sagen wir: originelle Bühnenbild; lebhaft-bunte Volksszenen: traditionell wirken-sollende Kostüme … und natürlich die zu Schlagern gewordenen Musikstücke wie „die Christel von der Post“ oder die „Rosen in Tirol“ … - Überhaupt:
Die Musik:
Der promovierte Jurist und Ministerialrat Carl Adam Johann Nepomuk Zeller (1842- 1898) war nebenbei (oder war’s umgekehrt? – mehr dazu im Programmheft) begabter Komponist. Der musikalische Leiter, Roc Fargas, lobt in höchsten Tönen seine „überraschenden Tonartenwechsel mit harmonischer Raffinesse (und) ganz eigenem instrumentalen Kolorit“, seine vielseitig differenzierte Musik, welche er mit seinem (wie pflegt man da zu sagen:) „bestens aufgelegten“ Orchester zum Klingen bringt, unterstützt vom Chor unter der Leitung Francesco Damianis. Unter den Solist*innen finden sich bewährte Kräfte und Detmolder Publikums-Lieblinge wie Emily Dorn als Kurfürstin, Stephen Chambers als Stanislaus, Kammersänger Andreas Jören als Baron Weps und Kammersängerin Brigitte Bauma, welche die Lächerlichkeit ihrer Ältere-Jungfer-Rolle mit der gewohnten Souveränität überspielt. Der Nachwuchs aus dem Detmolder Opernstudio bekommt seine Chance als Christel (Verena Seyboldt). - Ziad Nehme zeigt als Adam, dass mein kein Tiroler (oder Bayer) sein muss, um einen zünftigen Schuhplattler aufs Parkett zu stampfen. Und Euichen Jeong sowie Yoseph-Sonntag Park als Professoren-Karikaturen können noch nicht mal beim Applaus mit ihren Späßchen aufhören.
Ein Erfolg also? – Zweifellos …
… zumindest, wenn man als Maßstab die Reaktion des Premierenpublikums (was sonst?) nimmt, welches sich (wenn auch etwas zögerlich) in großen Teilen zum stehenden anhaltenden Applaus erhob und vor allem seine Lieblinge mit reichlich Bravi belohnte.
Und dennoch …
… ich kanns einfach nicht lassen! Zu tief steckt Volker Klotz‘ Verdikt in meinen Gehirnwindungen über die konservativen wo nicht gar reaktionären „Idyllen in den kleinbürgerlichen Besserungsstücken des Wiener Restaurationstheaters". Zu ungern mag ich die scheinbar genre-typische heile Welt goutieren: Die Korruption der Beamtenschaft (vom Förster bis zum Prodekan) ist reine Folklore; Oben und Unten sind noch schön ordentlich sortiert; der Versuch, die Grenze zu überschreiten, wird zwar mit Amüsement beobachtet, wird aber letztlich scheitern. Nicht nur hier: Die Mondkönigin „Frau Luna“ schäkert schon mal mit dem Berliner Handwerker, aber letzten Endes muss der natürlich wieder mit seinem Mariechen zur Erde zurück, wogegen sie den standesgemäßen Prinz Sternschuppe erhört. Und ebenso natürlich hat unser Adam bei der Kurfürstin keine Chance, da kann er noch so sehr die „Rosen in Tirol“ beschwören oder sie unten noch so romantisch anschmachten „No amol sing nur sing, Nachtigall“ während die oben rotierende Disko-Kugel Lichtfunken versprüht.
Klar, am Schluss der Operette sollte jeder Topf seinen Deckel bekommen haben, aber das hat der altgewohnte, althergebrachte Deckel, zu sein, der wieder auf den alten Suppentopf kommt, nachdem man mal an der Braten-Kasserolle schnuppern durfte. Im „Weißen Rössl“ muss sogar ein leibhaftiger Kaiser auftreten, um der Wirtin klarzumachen, sie habe doch, bittescheen, genau dort in der gesellschaftlichen Hierarchie zu bleiben, wo eine göttliche und feudale Ordnung sie hingestellt haben.
Wie schön, dass wir (hoffentlich?) in einer anderen Zeit leben. Deshalb Schluss mit der Krittelei.
Die Detmolder Text-Fassung:
Stattdessen lieber noch ein Lob für das Regieteam, das mit einigem Stolz wissen lässt, es habe „eine eigene Textfassung erstellt“. Da machen vor allem die großzügig eingestreuten Sprüche und Metaphern Spaß. So herrscht im Umfeld der Kurfürstin eine „blumige Ausdrucksweise“ vor. „Frühlingserwachen einer Herbstzeitlosen“ wird hier das erotische Coming-Out der Hofdame genannt. Und: „Adelaide steht in der Blüte ihres Lebens. – Und ich soll sie bestäuben“. Rund um den Vogelhändler geht’s dagegen eher zoologisch zu: Von Wagners edlem Ritter Lohengrin („Mein lieber Schwan“) geht’s runter bis (fast schon) Zuhälter-Sprech, wenn Adam seine Christel wenig respektvoll als „Hupfdohle“ und „Bordsteinschwalbe“ tituliert. Wenn mit Bezug auf den Kurfürsten auch mal von „Vögeln“ die Rede ist, dann hoffen wir einfach mal, dass auch das ornithologisch gemeint sei.
Und dann die Zitate: Von Schillers Allzeit-Beziehungs-Ratschlag „drum prüfe, wer sich ewig bindet“ bis zu Hamlets (An-)Klage (Achtung! Feministinnen: Weghören!) „Schwachheit, dein Name ist Weib“, wenn offenbar wird, dass es keine Jungfrauen mehr gibt (zum Trost: gegen Ende gibt’s dann noch ein feministisches Fanal: „Kämpfe nie mit Frau’n … denn der Frauen Waffe ist die Schönheit und die List“).
Gelegentlich glaubt man an Reminiszenzen aus dem eigenen alten Spielplan:
Wenn Kurfürstin und Hofdame in einem Ballon anreisen, dann mag dahingestellt bleiben ob es sich um jenen Ballon handelt, den ein kluger Regisseur dem Detmolder Operettenpublikum einst bei „Frau Luna“ vorenthalten hat. Nicht zu überhören („Komm in den kleinen Pavillon“) ist die Anleihe bei der „Lustigen Witwe“, deren Pavillon wiederum auf die „Hochzeit des Figaro“ zurückdeutet.
Überhaupt die Oper! Das Landestheater hat eine „operettige Mischung aus allerhand Opern-Referenzen“ versprochen. Als sich mal kurz abzeichnet, dass Adelaide anstatt in den Hafen der Ehe in ein Kloster eintreten soll, zetert diese los: „Das gibt’s ja in jeder beliebigen Oper!“ – stimmt zwar nicht so ganz, bietet aber Gelegenheit, sie in die Realität zurückzuholen: „Wir sind hier doch in der Operette!“ (Ins Kloster muss dann ja Stanislaus.)
Und wenn sich Baron Weps und Baronin Adelaide gegenseitig mit „Meine Kameliendame“ und „Mein Rosenkavalier“ anhimmeln – dann fehlt eigentlich nur noch die „Zauberflöte“. Aber schon mault jemand: „Ich lass mich doch nicht schikanedern!“
Landestheater Detmold:
Der Vogelhändler
Operette von Carl Zeller
Libretto von Moritz West und Ludwig Held
Neue Dialogfassung von Hans Walter Richter und Katharina Schellenberg
Musikalische Leitung: Roc Fargas i Castells
Regie: Hans Walter Richter
Bühne und Kostüm: Bernhard Bruchhardt
Choreografie: Arsen Chraghyan
Dramaturgie: Katharina Schellenberg
Chor: Francesco Damiani
Adam: Ziad Nehme / Nikos Striezel
Christel: Milica Milić / Verena Seyboldt
Kurfürstin Marie: Emily Dorn / Johanna Nylund
Graf Stanislaus: Robert Bartneck / Stephen Chambers,
Baron Weps: KS Andreas Jören
Baronin Adelaide: KS Brigitte Bauma / Lotte Kortenhaus
Schneck: SoJin Yang / Nicolas Stegmann
Professor I: Euichan Jeong
Professor II: Yoseph Sonntag-Park / Nicolas Stegmann
Wirtin: Annette Blazyczek / Myriam Anna Dewald
Chor und Symphonisches Orchester des Landestheaters Detmold